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IM KELLER

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von Ulrich Seidl

Note: 7.5

In Im Keller taucht Ulrich Seidl in das Innerste der Leute ein, betritt ihre aufgeräumten, tadellos aussehenden Häuser und gelangt schließlich in ihre Keller. Und hier offenbart jeder von ihnen schließlich sein wahres Wesen.

Weg von neugierigen Blicken

Die zeitgenössische Gesellschaft, ein gefährlicher latenter Faschismus, Geheimnisse und ungewöhnliche Gewohnheiten der Menschen haben in Ulrich Seidls Filmografie immer eine zentrale Rolle gespielt. So ist es in seinen Dokumentarfilmen – darunter sein Debütfilm Good News und Safari, sein jüngstes Werk – und so ist es auch in seinen Spielfilmen, von denen wir den berühmten Hundstage und die Filme der Paradies-Trilogie in Erinnerung rufen. Doch ein Film, der das Wesen der Filmografie des Wiener Regisseurs durchaus repräsentiert, ist der Dokumentarfilm Im Keller, der bei den Filmfestspielen von Venedig 2014 außer Konkurrenz gezeigt wurde – als gleichzeitig Veronika Franz und Severin Fiala, Seidls Ehefrau und Neffe, in der Reihe Orizzonti den guten Ich seh ich seh präsentiert haben.

In Im Keller taucht Ulrich Seidl also in das Innerste der Leute ein, betritt ihre aufgeräumten, tadellos aussehenden Häuser und gelangt schließlich in ihre Keller. Und hier offenbart jeder von ihnen schließlich sein wahres Wesen.

Ein Mann sitzt vor dem Käfig, in dem sein Python lebt. Eine Maus befindet sich im Käfig und frisst in aller Ruhe. Stille. Die Folgen sind leicht vorstellbar. Und sie kommen plötzlich, wie ein Schlag in den Magen. So beginnt also Im Keller. Ein grausamer, brutaler, schockierender Anfang, wie ihn nur Seidl zu zeigen vermag. Und sofort verstehen wir, dass wir während des Films sehr starke Emotionen erleben werden. Und tatsächlich ist der Dokumentarfilm – wie jeder andere Film des Regisseurs auch – fast mit einer Achterbahnfahrt zu vergleichen. Ein Abenteuer, bei dem wir lachen, wir sind gerührt, wir werden wütend.

Wie seine anderen Werke erweist sich Im Keller als ein „wütender“ Film, ein Film, der sich über die dargestellten Figuren lustig macht, der es aber auch schafft, sich je nach Gelegenheit in sie hineinzuversetzen. Und während das Bild einer nicht mehr jungen Frau, die einige Puppen im Keller wie Kinder behandelt, die Vorstellung einer einsamen Person vermittelt, die ihre Träume nicht mehr erfüllen kann und mit allen Mitteln versucht, eine Art ideale Realität zu schaffen, erweist sich die Kamera als weitaus gnadenloser, wenn sie uns einen Mann mittleren Alters zeigt, der nationalsozialistische Uniformen sammelt und stolz ein Ölporträt von Adolf Hitler zur Schau stellt, „das schönste Hochzeitsgeschenk, das er je bekommen hat“.

Durchdachte, starre Kameraeinstellungen, oft bewegungslose Figuren, die in die Kamera sprechen, offenbaren in manchen Fällen ein tiefes Gefühl der Einsamkeit, in anderen eine tiefe Verachtung für das, was die Gesellschaft heute geworden ist. Eine feige und heuchlerische Gesellschaft, die sich nie mit der Vergangenheit auseinandergesetzt hat und die banale Klischees zu ihrem Credo macht. Die Realität wird uns so gezeigt, wie sie ist, ohne Filter oder Zensur, und die Kamera des Regisseurs zögert nicht, seine Protagonisten lächerlich zu machen. Und oft sind keine Worte nötig. Die Bilder sprechen für sich selbst. Man lacht und denkt nach. Und selbstverständlich ist man von den perfekten Bildern auf der Leinwand hingerissen. Im Keller ist ein wahrer Wirbelwind der Emotionen und lässt uns nie Zeit zum Verschnaufen. Natürlich wie bei jedem Film von Ulrich Seidl.

Titel: Im Keller
Regie: Ulrich Seidl
Land/Jahr: Österreich, Deutschland / 2014
Laufzeit: 81’
Genre: Dokumentarfilm
Buch: Veronika Franz, Ulrich Seidl
Kamera: Martin Gschlacht
Produktion: ARTE, Coop99 Filmproduktion, Filmfonds Wien, Land Niederösterreich, ORF, Ulrich Seidl Film Produktion GmbH, Österreichisches Filminstitut

Info: Die Seite von Im Keller auf iMDb; Die Seite von Im Keller auf der Webseite von Ulrich Seidl