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NARZISS UND GOLDMUND

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von Stefan Ruzowitzky

Note: 5.5

Narziss und Goldmund ist ein Film, der trotz der unbestrittenen Meisterschaft des Regisseurs Stefan Ruzowitzky, trotz des großen Einsatzes von Kapital und einer exzellenten Besetzung, trotz visuell und symbolisch starker Momente, insgesamt zu gekünstelt, manchmal kitschig und prätentiös ist.

Wie Sonne und Mond

Eklektisch, talentiert, zu jedem Filmgenre fähig, kann der Regisseur Stefan Ruzowitzky – der 2007 mit Die Fälscher, 2008 mit dem Oscar für den besten fremdsprachigen Film ausgezeichnet, endgültig weltberühmt wurde – auf eine fast dreißigjährige Karriere zurückblicken, in der er hauptsächlich in Österreich und Deutschland gearbeitet hat. Und genau aus einer Koproduktion zwischen Österreich und Deutschland entstand 2020 sein Spielfilm Narziss und Goldmund, der auf dem gleichnamigen, sehr berühmten Roman von Herman Hesse basiert.

Der Film wurde in Österreich wenige Tage vor dem Lockdown veröffentlicht, schaffte es aber trotzdem, die Aufmerksamkeit vieler Zuschauer auf sich zu ziehen, und war auch im Hinblick auf einen Vertrieb außerhalb der Landesgrenzen konzipiert. Die Adaption eines großen literarischen Klassikers ist immer eine sehr schwierige Aufgabe, wenn es darum geht, einen ganzen Roman in eine filmische Erzählung zu übertragen. Und obwohl sich Ruzowitzkys Narziss und Goldmund in vielerlei Hinsicht von Hesses Roman unterscheidet, ist es ihm im Großen und Ganzen gelungen, dessen Wesen zu erhalten (wenn auch mit einigen scheinbar überflüssigen, aber bedeutsamen „Abschweifungen“, auf die später noch näher eingegangen wird).

Die Geschichte ist die, die wir alle kennen: Narziss ist ein junger Mönch, fleißig und introvertiert, der von allen für seine enorme Kultur geschätzt wird. Eines Tages kommt der junge Goldmund ins Kloster: Er wurde von seinem Vater dorthin geschickt, um für die Sünden seiner Mutter zu büßen, die starb, als Goldmund noch zu jung war, um sich an sie zu erinnern. Die Mutterfigur jedoch wird ihn sein Leben lang verfolgen. Auch wenn der Junge trotz seiner starken Freundschaft zu Narziss beschließt, das Kloster zu verlassen, um sich seiner Leidenschaft für die Kunst zu widmen und ein oft ausschweifendes Leben als Vagabund zu führen.

Narziss und Goldmund bleiben also ein Leben lang verbunden. Auch wenn das Leben selbst sie zu trennen scheint. Stefan Ruzowitzky hat es geschafft, die markantesten Momente ihrer Freundschaft durch zahlreiche Rück- und Vorblenden zu inszenieren, die auf der großen Leinwand perfekt funktionieren und dem Film einen guten Rhythmus geben. Narziss und Goldmund sind komplementär. Genau wie die Sonne und der Mond. Der eine ist das Gegenteil des anderen und diese Komplementarität wird es ihnen nicht erlauben, das gleiche Leben zu teilen oder zusammen zu leben. Doch während dies in Hesses Roman eine präzise Theorie mit zahlreichen Verweisen auf die Philosophie Nietzsches oder auf die Theorien Carl Gustav Jungs darstellt, riskiert Ruzowitzky in dieser Verfilmung oft, stark vom Thema abzuschweifen. Dies betrifft vor allem kurze, aber signifikante Blicke und Kameraeinstellungen, die (nicht zu) subtil auf das besondere Interesse von Narziss – das nichts mit Spiritualität zu tun hat – an Goldmund hinweisen. Es ist nichts falsch daran, einen großen Klassiker auf seine eigene Art und Weise neu interpretieren zu wollen. Doch wie so oft in diesen Jahren macht der Wunsch, bestimmte Themen um jeden Preis zu behandeln (mal LGBT, mal #metoo und so weiter), auch wenn der Kontext es nicht erfordert, das Ganze künstlich und manchmal überflüssig.

Wir wissen allerdings nicht, inwieweit Ruzowitzky für diese Wahl verantwortlich ist, denn die Produktionsfirmen, die an der Entstehung von Narziss und Goldmund mitgewirkt haben, sind viele, und zwar ziemlich prätentiöse. Und in Anbetracht dessen, was in den letzten Jahren erreicht wurde, und angesichts der jüngsten Diktate, die sogar von der Academy bezüglich der Möglichkeit, um Oscars zu konkurrieren, eingeführt wurden, können wir uns vorstellen, dass solche Lösungen auferlegt wurden.

Und zu diesem Zeitpunkt dreht sich der Streit nicht mehr nur um Ruzowitzkys Film. Im Gegenteil, Narziss und Goldmund ist nur einer der vielen Spielfilme, die unter bestimmten unpassenden Entscheidungen gelitten haben. Ein Film, der trotz der unbestrittenen Meisterschaft des Regisseurs, trotz des großen Einsatzes von Kapital und einer exzellenten Besetzung, trotz visuell und symbolisch starker Momente (darunter die von Goldmund geschaffene Skulptur, in der eine Madonna mit kaum skizziertem Gesicht erscheint, die Symbol für eine unbekannte Mutterfigur ist), im Großen und Ganzen übermäßig gekünstelt, manchmal kitschig und prätentiös ist. Schade. Denn von einem Regisseur wie Stefan Ruzowitzky würde man viel mehr erwarten. Und nachdem wir Narziss und Goldmund angeschaut haben, fühlen wir sofort Nostalgie nicht nur für Die Fälscher, sondern auch für Spielfilme wie Tempo (1996) oder die angenehmen Horrorfilme Anatomie (2000) und Anatomie 2 (2003). Aber diese Zeiten scheinen heute unglaublich weit entfernt zu sein.

Titel: Narziss und Goldmund
Regie: Stefan Ruzowitzky
Land/Jahr: Österreich, Deutschland / 2020
Laufzeit: 110’
Genre: Drama
Cast: Jannis Niewöhner, Sabin Tambrea, Henriette Confurius, Lukas Bech, Roxane Duran, Georg Friedrich, Samuel Girardi, Michael Glantschnig, Matthias Habich, André Hennicke, Elisabeth Kanettis, Roman Johannes Kornfeld, Johannes Krisch, Sunnyi Melles, Uwe Ochsenknecht, Kida Khodr Ramadan, Branko Samarovski, Elisa Schlott, Jessica Schwarz, Emilia Schüle, Iva Sindelkova, Johana Vaskova
Buch: Stefan Ruzowitzky, Robert Gold
Kamera: Benedict Neuenfels
Produktion: Tempest Film, Mythos Film, Deutsche Columbia Pictures Film Produktion, Lotus Film, FilmVergnuegen

Info: Die Seite von Narziss und Goldmund auf iMDb; Die Seite von Narziss und Goldmund auf filminstitut.at