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LOSGELASSEN – JUGEND IN GRAZ

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von Rene Brueger

Note: 7

Der berühmte Uhrturm wacht über die steirische Hauptstadt. Zahlreiche junge Menschen werden zu ihrem Alltag, ihren Ideen und zur Politik befragt. Jeder von ihnen zeigt uns eine neue Sichtweise. Jeder von ihnen erlebt die malerische Stadt Graz auf seine eigene Art und Weise. All dies geschieht im Dokumentarfilm Losgelassen – Jugend in Graz von Rene Brueger, der das Programm der kommenden Diagonale 2021 – Reihe Sehnsucht 2020 – Eine kleine Stadterzählung – ergänzt.

Die glorreichen Achtziger

Die Diagonale 2021 sollte am 16. März starten. Doch diese einzigartige Situation, die wir aufgrund der Covid-19-Pandemie erleben, hat dazu geführt, dass die berühmte Veranstaltung auf Juni verschoben wurde. Doch trotz allem gibt es manchmal einige Kurz- und Dokumentarfilme zu sehen, die das Festivalprogramm ergänzen. Dies gilt zum Beispiel für den kurzen Dokumentarfilm Losgelassen – Jugend in Graz, bei dem Rene Brueger 1986 Regie führte, ein wertvolles Dokument, das uns das Leben junger Menschen in den achtziger Jahren in Graz zeigt.

Die Achtziger Jahre werden von vielen fast als Mythos betrachtet. Eine Zeit, in der die Kultur lebendig und dynamisch war, in der sich Künstler aus aller Welt frei fühlten, sich auszudrücken, in der uns die Filmwelt große Freude bereitete. Aber war es in den 1980er Jahren wirklich so einfach, in Graz jung zu sein?

Der berühmte Uhrturm wacht über die steirische Hauptstadt. Zahlreiche Jugendliche werden über ihren Alltag, ihre Eindrücke und Politik befragt. Jeder von ihnen zeigt uns eine neue Sichtweise. Jeder von ihnen erlebt das, was als eine der Kulturhauptstädte Österreichs gilt, auf seine eigene Art und Weise. Und doch scheint es im fröhlichen Graz nicht immer einen Platz für junge Leute zu geben. Es gibt sogar diejenigen, die die Stadt als einen Ort für Rentner betrachten, eine Art „Pensiopolis“, eine Realität, die man verlassen muss, um anderswo seine eigene Erfüllung zu finden.

Und doch zeigt uns die Kamera von Rene Brueger etwas ganz anderes: Überfüllte Cafés, Clubs voller junger Leute, die zu den aktuellen Hits abrocken, Straßen voller Menschen und Jugendliche, die sich im Park treffen. Das Ergebnis ist ein buntes Fresko einer Welt, die gar nicht so fremd zu sein scheint. Eine Welt, in der es viele Parallelen zu unserer Zeit gibt. Eine Welt, die durch Brügers Augen äußerst lebendig und pulsierend erscheint.

Die Kamera erledigt den Rest. Und sie beschert uns oft umgedrehte Kameraeinstellungen, Bilder mit leuchtenden Farben und hektische Kamerabewegungen, die durch einen gekonnten Schnitt noch unterstrichen werden. Und so spiegelt alles perfekt die Persönlichkeit der jungen Protagonisten wider, die so voller Leben sind, so begierig, sich Gehör zu verschaffen, die Welt zu erobern, weit weg zu laufen.

Für kontemplative Momente, langes Schweigen oder schlichte Einblicke ins Leben der Charaktere ist in Losgelassen – Jugend in Graz keine Zeit. Ebenso spiegelt der Regieansatz von Rene Brueger die Popkultur der achtziger Jahre voll und ganz wider und findet seine Erfüllung in den Szenen, die in Clubs und Diskotheken gedreht wurden, wo man sich endlich einmal austoben, Leute treffen, sich einen einfachen Abend der totalen Entspannung gönnen kann. Ohne an die Probleme des Alltags, des Studiums, der Arbeit oder daran zu denken, wie schwierig es ist, in der Welt, in der wir leben, jung zu sein.

Und so erscheint uns das Graz, das in Losgelassen – Jugend in Graz gezeigt wird, sofort als eine Stadt voller Widersprüche. Eine Stadt, die zu viel, aber auch zu wenig zu bieten hat. Eine Stadt, die auf der Leinwand lebendiger und vielfältiger denn je erscheint.

Titel: Losgelassen – Jugend in Graz
Regie: Rene Brueger
Land/Jahr: Österreich / 1986
Laufzeit: 26’
Genre: Dokumentarfilm
Buch: Rene Brueger
Kamera: Josef Neuper, Franz Posch, Joe Malina
Produktion: pre tv

Info: Die Seite von Losgelassen – Jugend in Graz auf der Webseite der Diagonale