mann-im-schatten-1961-rabenalt-kritik

MANN IM SCHATTEN

      Keine Kommentare zu MANN IM SCHATTEN

This post is also available in: Italiano (Italienisch)

von Arthur Maria Rabenalt

Note: 8

Das Wien von Mann im Schatten ist ein düsteres, obskures Wien, Zeuge der schrecklichsten Verbrechen, die Carol Reed in Der dritte Mann so gut dargestellt hatte. Und Regisseur Arthur Maria Rabenalt war der Aufgabe, ein grausames Verbrechen zu inszenieren, durchaus gewachsen und ließ sich von Reeds eigenem Kino, vom deutschen Expressionismus und von den legendären Detektiven wie Herkules Poirot oder Inspektor Columbo inspirieren.

Verhasster Spinat

Kaiserliches Wien. Das Wien des Praters, der Museen, des Belvedere, der Albertina. Das Wien von Grinzig, von Kahlenberg, vom faszinierenden Wienerwald. Über den Glanz und das gute Leben der Wiener Oberschicht ist im Kino viel erzählt worden, vor allem zwischen den Dreißiger- und Fünfzigerjahren. Und doch hat eine Stadt wie Wien, wie jede große Metropole, auch ihre Schattenseiten. Und jedes Jahr werden dort zahlreiche Morde begangen. So wie es eine Off-Stimme zu Beginn des Spielfilms Mann im Schatten, bei dem Arthur Maria Rabenalt 1961 Regie führte, andeutet.

Das Wien, von dem hier erzählt wird, ist also ein Wien, das wir nicht kennen. Ein düsteres, obskures Wien, Zeuge der schrecklichsten Verbrechen, das Carol Reed in Der dritte Mann (1949) so gut dargestellt hatte. Und Regisseur Arthur Maria Rabenalt war der Aufgabe, ein grausames Verbrechen zu inszenieren, durchaus gewachsen und ließ sich von Reeds eigenem Kino, vom deutschen Expressionismus und von den legendären Detektiven wie Herkules Poirot oder Inspektor Columbo inspirieren.

Ein Mann läuft nachts durch die Straßen Wiens. Ein hektischer Schnitt unterstreicht seine Eile. Dann, plötzlich, betritt er einen Nachtclub und jemand warnt ihn, dass die Show bereits begonnen hat. Der Mann setzt sich ans Klavier und schließt sich dem Orchester an. Als ein Kollege ihn fragt, warum er zu spät angekommen ist, antwortet er, dass er gerade einen Mord begangen hat. Aber ist das wirklich der Fall?

Arthur Maria Rabenalt hat eine komplexe und überraschende Geschichte geschaffen, in der unmögliche Lieben, Zugabfahrten und Leichenfunde in einer Badewanne im Mittelpunkt stehen. Die Direktorin eines Modehauses ist in ihrem Haus brutal ermordet worden. Ihr Ex-Partner und Mitbewohner hat eine heimliche Affäre mit ihrer Nichte. Alles deutet auf ein mögliches Motiv leidenschaftlicher Natur hin. Und wer könnte da besser Licht ins Dunkel bringen als Kommissar Radosch (gespielt von einem hervorragenden Helmut Qualtinger)?

Mann im Schatten präsentiert sich sofort als ein Spielfilm mit internationalem Charakter. Und obwohl Rabenalts Krimi an amerikanische Noirs erinnert, sind es die Bilder von Schatten an den Wänden, von Figuren, die sich hinter einem Vorhang oder hinter halbgeschlossenen Fensterläden bewegen, die deutliche Bezüge zum erfolgreichen Expressionismus aufweisen. Ebenfalls sind die rauchgefüllten Räume, in denen die Schatten fast immer die Oberhand über die Lichter haben, fast die Protagonisten. Jeder scheint ein Motiv für einen Mord zu haben. Und wenn der Zuschauer schließlich beginnt, seine eigenen Gewissheiten zu haben, wird plötzlich alles klug umgestoßen.

Und dann ist er da: Der großartige Helmut Qualtinger. Seine Leinwandpräsenz schafft es fast, sowohl die anderen Figuren als auch die zarte Liebesgeschichte zwischen der Nichte des Opfers und ihrem ehemaligen Mieter zu überschatten. Beruhigend und zugleich kompromisslos und selbstbewusst schafft es sein Kommissar Radosch – der auch zahlreiche Einflüsse aus dem amerikanischen Kino verinnerlicht hat – sofort, den Zuschauer ins Herz zu treffen, mal bei Verhören, mal an einem Restauranttisch, wenn er seinen Hass auf Spinat offenbart.

Ab einem bestimmten Punkt ruht der ganze Mann im Schatten auf ihm. Und ihm ist es zu verdanken, dass dieser wertvolle Noir von Arthur Maria Rabenalt dem, was zur gleichen Zeit in Hollywood gedreht wurde, in nichts nachsteht. Ein Zeichen dafür, dass sich der österreichische Film nach mehreren Jahrzehnten, in denen hauptsächlich Liebes- oder Musikfilme in der Welt des Wiener Großbürgertums – der Wiener Film – produziert wurden, für neue Horizonte, für ein neues Verständnis des Kinos selbst öffnete, inspiriert von dem, was im Rest der Welt gemacht wurde.

Titel: Mann im Schatten
Regie: Arthur Maria Rabenalt
Land/Jahr: Österreich / 1961
Laufzeit: 95’
Genre: Kriminalfilm, Noir
Cast: Helmut Qualtinger, Ellen Schwiers, Barbara Frey, Katharina Mayberg, Helmuth Lohner, Fritz Tillmann, Peter Neusser, Erik Frey, Gerd Frickhöffer, Robert Lindner, Wolf Neuber, Hans Thimig, Raoul Retzer, Helene Arcon, Ralph Boddenhuser, Felix Czerny, Emil Feldmann, Herbert Fux, Willi Hufnagel, Ossy Kolmann, Traudl Müller, Otto Sauer
Buch: Wolfgang Menge
Kamera: Elio Carniel, Michael Epp
Produktion: ÖFA

Info: Die Seite von Mann im Schatten auf iMDb; Die Seite von Mann im Schatten auf der Webseite des Filmarchiv Austria