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ICH UND DIE ANDEREN

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von David Schalko

Note: 6.5

Die bizarren Situationen, die David Schalko in der Serie Ich und die Anderen inszeniert hat, werden zunächst als reines Divertissement präsentiert: Wir wissen weder, warum der Protagonist sechs Wünsche äußern darf, noch, wer seine Träume verwirklichen kann. Dann, langsam, ändert sich alles. Bei der Berlinale 2021.

Sechs Wünsche

Der Regisseur und Drehbuchautor David Schalko ist mittlerweile bei der Berlinale zu Hause. Nachdem er bereits bei der Berlinale 2019 die Serie M – Eine Stadt sucht einen Mörder (inspiriert von Fritz Langs Meisterwerk M) präsentiert hat, ist er auch bei dieser Berlinale 2021 mit einer neuen, von Sky Deutschland und Superfilm produzierten Serie wieder zurück. Es handelt sich um Ich und die Anderen, eine witzige und bizarre Reise in die Welt der Psychoanalyse und der Sehnsüchte eines jeden von uns, die in sechs Episoden unterteilt ist.

Tristan (gespielt von Tom Schilling) ist ein brillanter junger Mann, der im Begriff ist, Vater zu werden. Aber ist er wirklich bereit dafür? Und vor allem: Ist Julia (Katharina Schüttler) wirklich die Frau seines Lebens? Oder ist er doch noch in seine ehemalige beste Freundin Franziska (Mavie Hörbiger) verliebt? Vielleicht kann Tristan seinen Zweifeln auf den Grund gehen, indem er die Realität aus neuen Blickwinkeln betrachtet. Und so bietet sich ihm plötzlich auf geheimnisvolle Weise eine Gelegenheit: Er hat die Chance, sechs Wünsche zu äußern, einen pro Tag, um die Realität so erleben zu können, wie er es sich wünscht. Wird wirklich alles so einfach sein? Wahrscheinlich kann ihm nur ein mysteriöser Taxifahrer, der ihn durch die Stadt fahren soll, als eine Art allwissender Virgil die besten Ratschläge geben.

Tristans Wünsche sind ganz normal. Er möchte nämlich, dass alle alles über ihn wissen, dass alle ihn lieben, dass alle ehrlich zu sich selbst und zu anderen sind und so weiter. Doch was würde passieren, wenn solche Situationen wirklich einträfen? Eine Reihe von urkomischen und paradoxen Situationen, in denen Tristan immer verwirrter und ungläubiger erscheint, fesseln unsere Aufmerksamkeit von den ersten Minuten an. Begleitet wird er auf dieser seltsamen Reise von seinen extravaganten Eltern, seiner Schwester Isolde (einer zeitgenössischen Künstlerin, die von Sex besessen ist), seinen Kollegen und seinem Psychoanalytiker. Und natürlich von seiner Partnerin Julia und seiner Freundin Franziska, die auf mysteriöse Weise in einem Haus im Wald verschwunden ist, die ihn aber manchmal anruft oder mit den seltsamsten Gestalten bei ihm auftaucht. Das sind Menschen, die auf die eine oder andere Art sein Leben beeinflussen.

Die bizarren Situationen, die Schalko in Ich und die Anderen inszeniert hat, werden zunächst als reines Divertissement präsentiert: Wir wissen nicht, warum der Protagonist seine Wünsche äußern kann, und wir wissen auch nicht, wer in der Lage ist, seine Träume zu verwirklichen. Alles scheint aus dem Nichts zu kommen, nichts scheint eine wirkliche Grundlage zu haben. Und das ist gut so, denn auch wir lassen uns, wie Tristan, jeden Tag aufs Neue überraschen, was passieren könnte.

Dann, langsam, ändert sich alles. Sehr langsam. Alles wird langsam abstrakter, das Paradoxe hat die Oberhand, die verschiedenen Charaktere offenbaren sich selbst in den absurdesten Situationen und nichts scheint einer bestimmten Logik zu folgen.

Ein seltsames, befremdliches Wien, weit entfernt von dem Wien, das uns sonst in Filmen gezeigt wird, erscheint uns chaotischer und glanzvoller denn je (auch dank der stets hervorragenden Arbeit von Kameramann Martin Gschlacht). Traum und Realität vermischen sich und die Einfälle in die Psyche und das Unbewusste unseres Protagonisten werden immer häufiger. Fast so, als befänden wir uns in einem Film von David Lynch. Fast.

Genaue Antworten gibt uns David Schalko nicht, wohl auch im Hinblick auf eine zweite Staffel der Serie. Im Gegenteil, er lässt uns vollständig mit dem Protagonisten mitfühlen, seine gleichen Gefühle erleben, in seinem Unterbewusstsein wandern und darüber nachdenken, wie das Leben durch bestimmte Entscheidungen verändert werden könnte. Die Theorien von Sigmund Freud, der Wald als Symbol des Unbewussten, eine wichtige Betrachtung der Vereinbarkeit von Paaren, die im Alltag immer präsentere Technologie (besonders bedeutsam ist in diesem Zusammenhang die Figur des Hubert – Tristans Kollege und einziger wahrer Freund -, der eines Tages, nachdem er sein Handy verloren hat, versucht, Selbstmord zu begehen) sind die wiederkehrenden Themen in Ich und die Anderen. Zu viel Eisen im Feuer? Wahrscheinlich. Das größte Risiko besteht nämlich gerade darin, David Lynch um jeden Preis nacheifern zu wollen und damit zu riskieren, sich für immer zu verlieren.

Aber natürlich ist es angesichts des offenen Endes noch zu früh, ein endgültiges Urteil darüber zu fällen. Ich und die Anderen unterhält zweifelsohne. Und während alle zunächst Tristan nicht mochten, fühlte sich das Publikum langsam immer näher an diesen verwirrten und erstaunten Mann heran. Eine zweifelsohne gut geschriebene Veränderung. Und wer weiß, welche weiteren Überraschungen noch auf uns warten.

Titel: Ich und die Anderen
Regie: David Schalko
Land/Jahr: Österreich, Deutschland / 2021
Laufzeit: 240’
Genre: Filmkomödie
Cast: Tom Schilling, Lars Eidinger, Katharina Schüttler, Sophie Rois, Mavie Hörbiger, Martin Wuttke, Ramin Yazdani, Sarah Viktoria Frick, Michael Maertens, Merlin Sandmeyer, Vivienne Causemann, Husam Chadat, Anja Karmanski, Markus Schleinzer, Julia Franz Richter
Buch: David Schalko
Kamera: Martin Gschlacht
Produktion: Superfilm Filmproduktions GmbH, Sky Deutschland

Info: Die Seite von Ich und die Anderen auf der Webseite der Berlinale; Die Seite von Ichund die Anderen auf iMDb