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NIGHT FOR DAY

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von Emily Wardill

Note: 8

Night for Day beschäftigt sich nicht nur mit der Beziehung zwischen Mutter und Sohn. Night for Day ist viel mehr. Und im Laufe seiner kurzen Dauer zeichnet der Film die grundlegenden Etappen der jüngeren Geschichte Portugals auch durch zahlreiche Verweise auf die Filmwelt nach. Bei der Berlinale 2021, Reihe Forum Expanded.

Mutter und Sohn

Vergangenheit und Gegenwart. Tag und Nacht. Brennendes Licht und Straßen bei Nacht der Stadt Lissabon. Eine Mutter-Sohn-Beziehung, die nur noch vertieft werden muss. Ein besonders komplexer und vielschichtiger Film, Night for Day. Der 2020 von der britischen Künstlerin Emily Wardill im Auftrag der Wiener Secession gedrehte Experimentalfilm wurde bei der Berlinale 2021 in der Reihe Forum Expanded – einer der interessantesten Reihen der Berliner Filmfestspiele – präsentiert. Es ist also kein Zufall, dass dieses Werk von Emily Wardill gerade hier vorgestellt wurde.

Night for Day beschäftigt sich nicht nur mit der Beziehung zwischen Mutter und Sohn. Night for Day ist viel mehr. Und im Laufe seiner kurzen Dauer zeichnet der Film die grundlegenden Etappen der jüngeren Geschichte Portugals auch durch zahlreiche Verweise auf die Filmwelt nach.

Isabel do Carmo ist eine Frau, die in Lissabon lebt und die in der Vergangenheit, nachdem sie sich den Internationalen Brigaden angeschlossen hatte, versuchte, die längste faschistische Diktatur in Europa zu stürzen. Ihre Stimme erzählt die grundlegenden Etappen ihres Kampfes, abwechselnd mit den Stimmen von zwei Männern – den Astrophysikern Alexander Bridi und Djelal Osman – die mit einem neuen Computerprogramm versuchen, bewegte Bilder zu erkennen. Einige Bildunterschriften befragen die Frau – indem sie sie „Mutter“ nennen – über ihre Vergangenheit. Die Kamera von Emily Wardill erledigt den Rest.

Wir sehen nie die Gesichter der Protagonisten. Doch durch ihre Stimmen, ihre Geschichten und die jeweils dargestellten Umgebungen wirken sie lebendiger denn je. Und während wir uns in den Straßen Lissabons mühsam zurechtfinden, geben unscharfe Bilder von Menschen, die ihrem täglichen Leben – bei stark überbelichtetem Licht – nachgehen, dem Film den Charakter eines wahren Bewusstseinsstroms.

Und dann ist da noch das Haus. Das hier gezeigte Haus wurde 1974 vom Architekten Antonio Teixeira Guerra gebaut. Ein Haus mit einer einzigartigen dreieckigen Form, das als idealer Ort angesehen wird, an dem Mutter und Kind in einer Art utopischem Universum leben können. Hierher pflegte Teixeira Guerra seine Freunde während der so genannten „magischen Stunde“ – also kurz vor Sonnenuntergang, wenn das Sonnenlicht besondere Orangetöne annimmt – einzuladen. Und genau in dieser magischen Stunde filmte Emily Wardill im Inneren des Hauses, was dem Film eine besondere Lyrik und ein angenehm kontemplatives Flair verleiht.

Und dann ist da vor allem das Kino. Bridi und Osman untersuchen bewegte Bilder. Gleichzeitig reihen sich Ausschnitte aus Filmen wie Hoffmanns Erzählungen (Powel und Pressburger, 1951), Blade Runner 2049 (Denis Villeneuve, 2017), Ex Machina (Alex Garland, 2014) und Planet der Affen: Prevolution (Rupert Wyatt, 2011) hektisch vor unseren Augen aneinander. Und hier wird das Studium der Bilder und, allgemeiner, des Kinos, sofort zum Hauptdarsteller. Das Kino hat die Aufgabe, Antworten zu finden. Es ist gerade das Kino, das eine Verbindung zwischen Vergangenheit und Gegenwart finden muss und es Mutter und Sohn ermöglichen muss, sich endlich zu begegnen, sich zu kennen, sich zu verstehen.

Und so entpuppt sich Night for Day sofort als eine wahre Liebeserklärung an die siebte Kunst, die durchaus in der Lage ist, Barrieren abzubauen, Distanzen zu verkürzen, einer Mutter und ihrem Sohn endlich einen ruhigen Abend in ihrem Haus mit großen Fenstern zu schenken, während draußen langsam die Sonne untergeht.

Titel: Night for Day
Regie: Emily Wardill
Land/Jahr: Portugal, Österreich / 2020
Laufzeit: 47’
Genre: Experimentalfilm
Cast: Isabel do Carmo, Djelal Osman, Alexander Bridi, Kimberley Pearl Febich, Paula Barco, Aurora Santos, Christina Gonçalves, Carloto Cotta
Buch: Emily Wardill
Kamera: Emanuel Garcia, José Marques, Emily Wardill
Produktion: Stenar Projects, Secession

Info: Die Seite von Night for Day auf der Webseite der Berlinale; Die Webseite von Emily Wardill