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GEISSEL DES FLEISCHES

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von Eddy Saller

Note: 7.5

In vielerlei Hinsicht an amerikanische und französische Noirs erinnernd, lehnt sich Geißel des Fleisches an eine Reihe von Spielfilmen an, die in Österreich nach dem Zweiten Weltkrieg produziert wurden und in denen erstmals – ähnlich wie in Italien mit dem Neorealismus – die Armut und die zahlreichen moralischen und materiellen Auswirkungen des Krieges auf die Bevölkerung behandelt wurden.

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„Die Beine der Frauen sind die Zirkel, die den Erdball in allen Himmelsrichtungen vermessen und ihm sein Gleichgewicht und seine Harmonie verleihen“, sagte der großartige François Truffaut. Und genau auf zahlreiche Aufnahmen von Frauenbeinen fokussiert sich Eddy Sallers Kamera am Anfang des Spielfilms Geißel des Fleisches, wo Frauenbeine fast wie „Kultobjekte“ betrachtet werden, die sowohl die Männer faszinieren als auch die Instinkte der Übeltäter wecken können.

Jedes Jahr werden in Wien zahlreiche Sexualstraftaten begangen. Aus diesen Daten schöpfte Saller einen für die damalige Zeit – wir schreiben das Jahr 1965 – völlig innovativen Noir-Krimi, in dem mit dem offiziellen Ende der Wiener Film-Ära zum ersten Mal das „andere Gesicht Wiens“ in Bildern erzählt wurde. Ein Wien fernab der idyllischen Bilder von Kostümbällen oder zarten Liebesgeschichten, die bei einem Sommerspaziergang auf den Hügeln von Grinzig entstehen.

Wien ist also ein perfekter Schauplatz für die Geschichte von Alexander Jablonsky (gespielt von Herbert Fux), einem ehemaligen Vergewaltiger mit langem Strafregister, der nun als Pianist in einem Nachtclub arbeitet. Plötzlich wird eine junge Tänzerin des Opernhauses unter der Dusche erwürgt. Jablonsky wird sofort des Mordes verdächtigt. Aber wird das wirklich der Fall sein? Beginnend mit einem langen Prozess, in dem sein Strafverteidiger mit allen Mitteln versucht, seine Unschuld zu beweisen, wird in einer langen Rückblende Jablonskys Leben parallel zu den Ermittlungen des Mordes in Etappen nachgezeichnet.

So beginnt eine Reihe von Intrigen und unerwarteten Wendungen, die – unterstützt und unterstrichen durch eine agile Kamera und einen hektischen Schnitt (und hier zeigt sich die langjährige Erfahrung des Regisseurs im Bereich der Werbung) – ein gekonntes Crescendo von Spannung und Suspense erzeugen.

Geißel des Fleisches erinnert an amerikanische und französische Noirs und knüpft an eine Reihe von Spielfilmen an, die in Österreich nach dem Zweiten Weltkrieg produziert wurden und in denen erstmals – ähnlich wie beim italienischen Neorealismus – die Armut und die vielfältigen – moralischen und materiellen – Auswirkungen des Krieges auf die Bevölkerung thematisiert wurden. Im Gegensatz zum vorherigen Jahrzehnt ging Eddy Saller jedoch weiter. Und einem extrem realistischen Regieansatz zog er eine markantere Regie vor, mit eher blutigen Momenten und Nacktszenen.

In Geißel des Fleisches wird nichts vor der Kamera verborgen. Und während dieser besondere Regieansatz – der sich auch durch einen gewissen Hauch von Ironie auszeichnet – wahrscheinlich teilweise den zwei Jahre später von Leo Tichat inszenierten Die Verwundbaren beeinflusst hat, erschien der Film im Jahr seiner Veröffentlichung gleich als etwas Neues und Innovatives innerhalb des heimischen Filmschaffens mit zahlreichen moralisch zweideutigen und kontroversen Elementen. Aber das ist natürlich eine andere Geschichte.

Titel: Geißel des Fleisches
Regie: Eddy Saller
Land/Jahr: Österreich / 1965
Laufzeit: 83’
Genre: Kriminalfilm, Noir
Cast: Herbert Fux, Hermann Laforet, Hanns Obonya, Peter Janisch, Josef Loibl, Thomas Hörbiger, Hans Baldauf, Johannes Ferigo, Richard H. Lenau, Rudi Schippel, Edith Leyrer, Ingrid Malinka, Elisabeth Terval, Sieglinde Koch, Birgit Pawlik, Irene Hannek, Ingrid Schlemmer, Karin Schmidt, Paula Elges
Buch: Eddy Saller
Kamera: Hanns König, Edgar Osterberger
Produktion: Commerz Film

Info: Die Seite von Geißel des Fleisches auf iMDb; Die Seite von Geißel des Fleisches auf der Webseite des Filmarchiv Austria