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HAGAZUSSA

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von Lukas Feigelfeld

Note: 7.5

Aufgeteilt in vier Kapitel – Schatten, Horn, Blut und Feuer – zeichnet sich Hagazussa durch ein gekonntes Crescendo und eine Reihe von visuellen Suggestionen aus, zu denen die Musik – von der Gruppe MMMD – einen Mehrwert darstellt.

Das Haus in den Bergen

Eine einsame Berghütte. Zwei Frauen, die allein leben. Die schreckliche Pestepidemie, die Europa in der Mitte des vierzehnten Jahrhunderts heimsuchte. Die Heuchelei und Bigotterie einer Gesellschaft, die ständig über diejenigen urteilt, die als „anders“ gelten. Dem jungen österreichischen Filmemacher Lukas Feigelfeld ist es in seinem Debütfilm Hagazussa gelungen, all diese Elemente in einem bildgewaltigen Film voller Symbolik zu vereinen, der durch eine beunruhigende und unglaublich schöne Location noch zusätzlich bereichert wird. Diese Location ist also eine weitere perfekte Hauptdarstellerin für einen Spielfilm, der vor allem im Ausland nicht die Aufmerksamkeit erhält, die er verdient.

Wir befinden uns im vierzehnten Jahrhundert. Albrun (die junge Celina Peter) und ihre Mutter Marta (Claudia Martini) leben allein in einer kleinen Berghütte. Der Vater des Mädchens ist unbekannt und das ganze Dorf glaubt, dass ihre Mutter eine Hexe ist. Ständig in ihrem Haus bedroht, werden die beiden Frauen auch die Pestepidemie erleben, da Marta plötzlich erkrankt. Jahre vergehen, Albrun ist inzwischen erwachsen (gespielt von einer außergewöhnlichen Aleksandra Cwen) und hat eine Tochter. Auch sie scheint leider dazu bestimmt zu sein, die gleiche Behandlung wie ihre Mutter zu erfahren.

Es ist nämlich gerade eine heuchlerische und bigotte Gesellschaft, die Lukas Feigelfeld in Hagazussa anklagt. Diejenigen, die anders sind, werden vor allem als eine Art bösartiges Wesen betrachtet. Wie lange wird es dauern, bis sie sich wirklich in das verwandeln, was die Leute denken, dass sie es sind? Starke Suggestionen, Halluzinationen und Traumszenen, die hier in ihrer maximalen Kraft dargestellt werden, werden den Zuschauer schockieren und ihn so sehr verwirren, dass es ihm nicht leicht sein wird zu verstehen, wo die Realität endet und die Illusion beginnt.

Aufgeteilt in vier Kapitel – Schatten, Horn, Blut und Feuer – zeichnet sich Hagazussa durch ein gekonntes Crescendo und eine Reihe von Suggestionen aus, zu denen die Musik – von der Gruppe MMMD – einen Mehrwert darstellt. Und während der dichte Wald – Symbol des Oneirischen und Hüter der brennendsten Geheimnisse – die Protagonistin manchmal vor äußeren Bedrohungen zu schützen vermag, kann er auch zum Schauplatz der grausamsten Rituale werden. Und diese Rituale werden immer blutiger, immer verstörender. All dies deutet sofort auf eine große stilistische Reife des Regisseurs hin (seine mittellangen Filme Beton von 2011 und Interferenz von 2014 hatten bereits großen Anklang gefunden), der einen kontemplativen Regieansatz bevorzugt, der aus langen Schweigen und starken Suggestionen besteht, die – vor allem im ersten Teil des Films – durch das entstehen, was wir nicht sehen.

Dieser Regieansatz ist sowohl von der Tradition des Krampus als auch vom Expressionismus inspiriert und bevorzugt daher entweder kleine, beengte Räume oder weite, offene Flächen, die ein verstörendes Gefühl der Agoraphobie vermitteln können. Der ewige Dualismus des Menschen – innerhalb dessen Gut und Böse seit jeher koexistieren – spielt dabei eine zentrale Rolle. Und so denkt man sofort an die Regisseure Veronika Franz und Severin Fiala: Das Off, das lange Schweigen und die zahlreichen Suggestionen vereinen ihre Filme mit Hagazussa; und während das Haus, in dem Albrun lebt, fast an die Villa erinnert, in der die Protagonisten von Ich seh ich seh (2014) wohnen, erinnern die besonderen Umgebungen und ihre starke Symbolik an den Kurzfilm Die Trud (2017).

Doch gleichzeitig hat Hagazzussa zweifelsohne eine eigene, ausgeprägte Persönlichkeit. Und in vielerlei Hinsicht unterscheidet er sich auch von The Witch (Robert Eggers, 2015), mit dem er oft verglichen wurde. Und Lukas Feigengeld, ein großer Cineast, hat ein unzweifelhaftes Talent bewiesen, das uns in Zukunft sicher noch viele schöne Überraschungen bescheren wird.

Titel: Hagazussa
Regie: Lukas Feigelfeld
Land/Jahr: Österreich, Deutschland / 2017
Laufzeit: 102’
Genre: Horrorfilm
Cast: Aleksandra Cwen, Celina Peter, Claudia Martini, Tanja Petrovsky, Haymon Maria Buttinger, Franz Stadler, Killian Abeltshauser, Gerdi Marlen Simonn, Thomas Petruo, Judith Geerts, Maximilian Hinterberger, Richard Gerum, Mario Schulze, Gerhard Lentner, Andreas Steiner
Buch: Lukas Feigelfeld
Kamera: Mariel Baqueiro
Produktion: Deutsche Film- und Fernsehakademie Berlin, Retina Fabrik

Info: Die Seite von Hagazussa auf iMDb