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MAUTHAUSEN – ZWEI LEBEN

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von Simon Wieland

Note: 7.5

Trotz der Dramatik des Erzählten, trotz der offensichtlichen Zeichen des Leidens auf den Gesichtern und in den Augen der Protagonisten, zeichnet sich der Dokumentarfilm Mauthausen – Zwei Leben vor allem durch eine gewisse Lyrik aus.

Unterschiedlich und doch ähnlich

Die Zeit heilt alle Wunden. Oder doch? Es gibt Wunden, die leider wahrscheinlich nie heilen werden. Das sind die Wunden derer, die in der Vergangenheit so traumatische Ereignisse erlebt haben, die immer lebendig und pulsierend bleiben werden. Dies ist zum Beispiel der Fall bei Stanislaw Leszczyński (ursprünglich aus Lodz, Polen) und Franz Hackl, geboren in Mauthausen. Was haben diese beiden Menschen gemeinsam? Beide haben in der Vergangenheit die Schrecken des Holocausts erlebt. Sie sind daher die Protagonisten des Dokumentarfilms Mauthausen – Zwei Leben, der 2020 unter der Regie von Simon Wieland entstanden ist und anlässlich des Holocaust-Gedenktages 2021 vom Österreichischen Kulturforum Rom dem Publikum präsentiert worden ist.

Als Junge wurde Stanislaw zusammen mit seiner Familie in das Konzentrationslager Mauthausen deportiert. Franz hingegen war zunächst in der Hitlerjugend, erkannte aber bald, was die nationalsozialistische Diktatur anrichtete. Die Geschichten der beiden (und ihre unterschiedlichen Sichtweisen), zusammen mit Archivbildern und altem Filmmaterial, nehmen uns mit auf eine lange und schmerzhafte Reise in die Vergangenheit, in die Zeit eines der schrecklichsten Kriege des letzten Jahrhunderts.

Mauthausen – Zwei Leben lässt die beiden Protagonisten für sich selbst sprechen und lässt sie sich vor der Kamera in einer intimen und fast kontemplativen Atmosphäre anvertrauen. Gefilmt teils im Konzentrationslager selbst, teils bei den beiden Männern zu Hause, zeichnet sich der Dokumentarfilm durch eine Inszenierung aus, in der leere Räume, in denen – außer den beiden Männern – kein Zeichen der Anwesenheit von Menschen zu sein scheint, die Protagonisten sind. Es handelt sich um eine Leere, die unweigerlich ein starkes Gefühl der Agoraphobie vermittelt und die, je nachdem, was erzählt wird, dazu führt, dass wir uns verwirrt, verängstigt, entsetzt fühlen.

Die Vergangenheit ist hier lebendiger denn je. Und das wird durch den häufigen Wechsel von Schwarz-Weiß zu Farbe noch unterstrichen. Als ob der Lauf der Zeit die Dinge nicht verändert hätte. Als ob es keine Möglichkeit gäbe zu vergessen, was gewesen ist. Der Regisseur erscheint vor der Kamera fast unsichtbar. Er wird sofort zum intimen Vertrauten und stillen Beobachter der beiden Männer. Sie sind diejenigen, die den gesamten Dokumentarfilm auf ihren Schultern tragen müssen. Ihre Erzählungen und ihre Geschichten lassen uns erleben, was sie selbst erlebt haben. Um nicht zu vergessen.

Trotz der Dramatik des Erzählten, trotz der offensichtlichen Zeichen des Leidens auf den Gesichtern und in den Augen der Protagonisten, zeichnet sich der Dokumentarfilm Mauthausen – Zwei Leben vor allem durch eine gewisse Lyrik aus. Eine Lyrik, die durch einen linearen und stark kontemplativen Regieansatz gut wiedergegeben wird, bei dem sich gleichzeitig ein gewisser Minimalismus als die richtige Lösung erweist.

Eine Lyrik, die sich auch in der resignativen Gelassenheit und der starken Widerstandskraft der beiden Protagonisten niederschlägt. Die Vergangenheit ist und wird immer präsent sein. In der Zwischenzeit können uns nur Liebe, Schönheit und Kunst retten. Genauso wie die zarte, fast an ein Wiegenlied erinnernde Melodie, die Stanislaw am Ende des Dokumentarfilms mit seiner Zither spielt.

Titel: Mauthausen – Zwei Leben
Regie: Simon Wieland
Land/Jahr: Österreich / 2020
Laufzeit: 70’
Genre: Dokumentarfilm
Buch: Simon Wieland, Andreas Kuba
Kamera: Simon Wieland
Produktion: Simon Wieland Film

Info: Die Seite von Mauthausen – Zwei Leben auf der Webseite von SImon Wieland; Die Seite von Mauthausen – Zwei Leben auf der Webseite der Austrian Film Commission