hochwald-2020-romen-kritik

HOCHWALD

      Keine Kommentare zu HOCHWALD

This post is also available in: Italiano (Italienisch) English (Englisch)

von Evi Romen

Note: 7

Hochwald, der Debütfilm von Evi Romen, konzentriert sich vor allem auf Gegenstände, sei es eine lustige Perücke, die eine Identität symbolisiert, die enthüllt werden soll, oder auch nur ein Selfie mit einem Handy. Es sind scheinbar unbedeutende Gegenstände, die im Film immer wieder auftauchen und sofort einen hohen symbolischen Wert annehmen.

Wie geht es weiter?

Mario (gespielt von Thomas Prenn) hat eine große Leidenschaft für das Tanzen und arbeitet, um sein Einkommen aufzubessern, von Zeit zu Zeit in einer Metzgerei. Seine Situation scheint die gleiche zu sein wie die vieler junger Menschen, die davon träumen, als Künstler erfolgreich zu sein. Aber die Situation ist viel komplizierter als sie scheint. In dieser Hinsicht zeigt uns der Spielfilm Hochwald, der Debütfilm der Regisseurin und Drehbuchautorin Evi Romen, der bei der Viennale 2020 seine Österreich-Premiere gefeiert hat, indem er die Geschichte des jungen Mario erzählt, eine heuchlerische Gesellschaft, die immer bereit ist, über andere zu urteilen, die als „anders“ geltenden zu hassen und ständig auf der Suche nach einem möglichen Sündenbock ist.

Mario träumt schon seit Jahren davon, Tänzer zu werden. Inzwischen lebt er mit seiner Familie in dem kleinen Südtiroler Städtchen Hochwald. Als er eines Tages seinen alten Freund Lenz (Noah Saavedra) trifft und merkt, dass er Gefühle für ihn hat, beschließt er, ihm nach Rom zu folgen, da der junge Mann gerade ein Stipendium erhalten hat. Doch eines Nachts, als die beiden in einem Club sind, beginnt eine Gruppe von Attentätern zu schießen. Mario ist einer der wenigen Überlebenden, während Lenz getötet worden ist. Was wird es bedeuten, nach Hochwald zurückzukehren?

Hochwald konzentriert sich vor allem auf Gegenstände, sei es eine lustige Perücke, die eine Identität symbolisiert, die enthüllt werden soll, oder auch nur ein Selfie mit dem Handy. Es sind scheinbar unbedeutende Gegenstände, die im Film immer wieder auftauchen und sofort einen hohen symbolischen Wert bekommen. Nur wenn er die Perücke trägt, fühlt sich Mario wirklich frei. Und das letzte Foto mit seinem Freund Lenz ist eine seiner wertvollsten Erinnerungen.

Aber Hochwald ist nicht nur das. Hochwald ist viel komplexer und vielschichtiger, als es auf den ersten Blick erscheinen mag. Zunächst einmal haben wir einen Ort – die Stadt Hochwald – der aufgrund seiner geografischen Lage – direkt nördlich von Bozen und an der Grenze zu Österreich – der perfekte Kreuzungspunkt zwischen zwei Welten und zwei verschiedenen Kulturen ist. Und zu diesen beiden Kulturen können wir noch eine dritte hinzufügen – die islamische Kultur -, die einerseits als verantwortlich für das Geschehene angesehen wird, andererseits aber auch in der Lage ist, Mario den nötigen Trost zu spenden.

Wie kommt es, dass er den Anschlag überlebt hat? Und vor allem, wie wird die Familie seines verstorbenen Freundes, aber auch jeder, der ihn trifft, mit ihm umgehen? In der heutigen Gesellschaft gibt es keinen Platz für sensible Menschen. Und wenn niemand da ist, der ihnen helfen kann, werden sie unweigerlich emotional und physisch zusammenbrechen.

Evi Romen gelingt es sehr gut, die inneren Qualen des jungen Mario zu inszenieren (auch dank der hervorragenden Leistung von Thomas Prenn). Verzweifelte und befreiende Tänze und Momente, in denen der Wald – mit all seiner komplexen Symbolik und den Verweisen auf das Unbewusste und das Oneirische – der einzige Ort zu sein scheint, an dem man sich endlich geborgen fühlen kann, sind die wahre Besonderheit des Films. Und während bestimmte Elemente etwas kitschig wirken – darunter die Rekonstruktion des nächtlichen Roms oder auch die Szene, in der der Protagonist im Haus seiner neuen Freunde tanzt – funktioniert der Film insgesamt. Und er gibt Anlass zu zahlreichen Überlegungen. Mario ist sicherlich kein „unschuldiger“ Mensch. Aber seine Schwächen – inklusive seiner Heroinsucht – sind die Folge seiner Beziehungen zu den Menschen um ihn herum. Und tatsächlich ist es gerade eine zu wertende Gesellschaft, die angeklagt wird. Und dieser aufrichtige und verzweifelte Hochwald hat zum Glück keine Angst, es zu wagen, keine Angst, brennende Themen anzupacken. Das Wichtigste ist, dass die Botschaft laut und deutlich ankommt.

Titel: Hochwald
Regie: Evi Romen
Land/Jahr: Österreich, Belgien / 2020
Laufzeit: 108’
Genre: Drama
Cast: Thomas Prenn, Noah Saavedra, Josef Mohamed, Raffaela O’Neill, Ursula Ofner, Lissy Pernthaler, Kida Khodr Ramadan
Buch: Evi Romen
Kamera: Martin Gschlacht, Jerzy Palacz
Produktion: Amour Fou Vienna, Take Five, ORF

Info: Die Seite von Hochwald auf der Webseite der Viennale, Die Seite von Hochwald auf iMDb