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BITTE WARTEN

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von Pavel Cuzuioc

Note: 7

In der ungewöhnlichen Form eines Roadmovies nimmt Bitte warten uns mit auf eine Reise von Moldawien nach Rumänien, von der Ukraine nach Bulgarien. Das Thema ist Telekommunikation und wie sehr sie uns beeinflusst und unser Leben verändert hat.

Immer verbunden

Es wäre unangemessen, einen Dokumentarfilm wie Pavel Cuzuiocs Bitte warten mit den Filmen von Ulrich Seidl zu vergleichen. Dieser kleine und universelle Film – in Österreich bei der Viennale 2020 uraufgeführt – zeichnet sich zwar durch seinen Regieansatz mit starren und oft perfekt symmetrischen Einstellungen aus, zeigt aber nicht mit dem Finger auf die Gesellschaft und all jene Gewohnheiten und Denkweisen, die die Welt „schlechter“ gemacht haben. Oder, besser noch, er tut es nicht direkt.

In der ungewöhnlichen Form eines Roadmovies nimmt Bitte warten uns mit auf eine Reise von Moldawien nach Rumänien, von der Ukraine nach Bulgarien. Das Thema ist Telekommunikation und wie sehr sie uns beeinflusst und unser Leben verändert hat.

Eine automatische Ansage empfiehlt zu warten, damit man die Möglichkeit hat, mit einem Telefonisten zu sprechen. Unmittelbar danach ertönt eine sich wiederholende und extrem nervenaufreibende Wartemusik. Es ist nicht abzusehen, wie lange diese Wartezeit dauern wird. Die Kamera des Regisseurs begleitet uns in jedes Haus, wo Arbeiten an der Telefonleitung oder am Modem für die Internetverbindung durchgeführt werden müssen. Ein Techniker trifft jedes Mal auf neue Realitäten, neue (manchmal bizarre) Charaktere. Und jeder von ihnen wird uns eine völlig neue Welt zeigen.

Man schmunzelt, manchmal lacht man sogar, wenn man Bitte warten anschaut. Und während einer der Techniker aus einer Wohnung fliehen muss, weil zwei ältere Damen anfangen, über brutale Morde in ihrer Nachbarschaft zu reden, freut sich jemand besonders über die Tatsache, dass einer der Nachbarn gerade eine Internetverbindung installiert bekommt und er später das Passwort herausfinden kann. Und während ein Herr versucht, sich beim Reden vor der Kamera zu konzentrieren, will sein kleiner Hund unbedingt spielen, rennt unentwegt im Garten herum und entlockt den Zuschauern Lacher.

An Ironie mangelt es in diesem Dokumentarfilm von Pavel Cuzuioc nicht. Und doch nimmt sich der Regisseur – hier stets abwesend vor der Kamera – jede Figur zu Herzen, als – vor allem die, die nicht mehr jung sind – wertvolle Zeugen einer Epoche, die zu verschwinden droht. Und so langsam verlagert sich der Diskurs zu ernsteren Themen, man spricht über eine schwierige Vergangenheit, eine wenig verheißungsvolle Gegenwart, die Schäden des Kommunismus an Osteuropa. Jemand vertraut sich der Kamera an und erzählt auch eine ganz dramatische Familiengeschichte.

Was ist oder jedenfalls scheint das Schicksal der Menschen in diesem Zeitalter, in dem Geld eine zentrale Rolle spielt, zu sein? Und vor allem: Wie wird der Mensch heute betrachtet? Wahrscheinlich, vor allem getrieben durch den Wunsch, Geld zu verdienen, betrachten die Machthaber, aber auch große Unternehmen und Telefongesellschaften, den Menschen nicht einmal mehr als Lebewesen. Und in dieser Hinsicht fängt der Monolog eines der Techniker am Ende des Dokumentarfilms perfekt das Wesen von Bitte warten ein.

Titel: Bitte warten
Regie: Pavel Cuzuioc
Land/Jahr: Österreich / 2020
Laufzeit: 86’
Genre: Dokumentarfilm
Buch: Pavel Cuzuioc
Kamera: Pavel Cuzuioc
Produktion: Pavel Cuzuioc Filmproduktion

Info: Die Seite von Bitte warten auf der Webseite der Viennale; Die Seite von Bitte warten auf der Webseite der Austrian Film Commission