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SCHWITZKASTEN

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von John Cook

Note: 8

Hermanns innere Qualen und Probleme werden in Schwitzkasten mit einem Regieansatz inszeniert, bei dem die einfache Beobachtung des Alltags als perfekter Nebendarsteller fungiert, als gelungener Kontrapunkt zu den turbulenten Ereignissen des Protagonisten. Alles mit einer gewissen Weisheit in der Betrachtung des Lebens und seinem ruhigen Fluss, der dem natürlichen Lauf der Ereignisse folgt.

Sommertage

Normales Alltagsleben. Heiße Wiener Sommer. Zeitlose Bilder aus der nahen Vergangenheit. Was könnte poetischer und eindrucksvoller sein? Es kommt darauf an, wie diese Situationen von der Kamera dargestellt werden. Und der kanadische Regisseur John Cook, der nach seiner Arbeit als Modefotograf mehrere Jahre in Österreich Filme gedreht hat, zeigt immer wieder eine große Empfindsamkeit, wenn er den Alltag seiner Protagonisten und ihre Abenteuer an sonnigen Sommertagen darstellt. Dies gilt beispielsweise auch für den Spielfilm Schwitzkasten, der auf dem Roman Das Froschfest von Helmut Zenker basiert und anlässlich der Viennale 2020 im Rahmen der vom Filmarchiv Austria kuratierten Retrospektive Austrian Auteurs erneut dem Publikum vorgestellt worden ist.

Die Geschichte, die hier inszeniert wird, ist also die von Hermann (gespielt von Hermann Juranek), einem jungen Mann, der als Gärtner in den städtischen Parks arbeitet. Gewohnt, seine Tage damit zu verbringen, mit seinen Kollegen Bier zu trinken und mit den Frauen zu flirten, wird der Mann bald arbeitslos und, von seiner Familie aus dem Haus geworfen, verbringt er die meiste Zeit in Kneipen und läuft Gefahr, sich endgültig loszulassen.

Schwitzkasten ist also die Geschichte eines Mannes, der bis zu seinem Tiefpunkt nie erkannt hatte, wie wichtig bestimmte Werte sind. Und in diesem Sinne lässt sich dieser kleine, feine Spielfilm von John Cook als eine Art „Coming-of-Age-Story“ lesen (auch wenn der Protagonist in diesem Fall kein Kind und kein Jugendlicher mehr ist), der nie banal oder vorhersehbar ist.

Hermann war schon immer so etwas wie ein Außenseiter. Nie wirklich integriert unter seinen Kollegen, wurde er von seiner Familie ständig mit seinem älteren Bruder verglichen, der sich inzwischen beruflich etabliert hat. Auch die Beziehung zu seiner Freundin Vera (Christa Schubert) ist nie wirklich definiert, nie wirklich vertieft oder richtig gepflegt worden. Aber wie lange kann eine solche Situation andauern?

Hermanns innere Qualen und Probleme werden von John Cook mit einem fast minimalistischen Regieansatz inszeniert, der die Realität beobachtet, wie sie ist. Ebenso ist diese besondere Inszenierung, in der die einfache Beobachtung des Alltagslebens als perfekter Co-Protagonist fungiert, ein gelungener Kontrapunkt zu Hermanns turbulenten Ereignissen und zeigt gleichzeitig die nötige Distanz in der Darstellung der Fakten. Eine Distanz, die in diesem Fall eine gewisse Weisheit in der Betrachtung des Lebens und seines ruhigen Flusses bezeichnet, die dem natürlichen Lauf der Dinge folgt.

Und dann ist da noch Wien. Ein Wien, das sich hier ganz und gar nicht als Postkarte für Touristen darstellt. Ein Wien, in dem Lagerhäuser und kleine Wirtshäuser die perfekte Kulisse sind, ebenso wie sonnige Nachmittage im großen Praterpark oder am Donauufer. Ein Wien, das nur einen sensiblen und aufmerksamen Blick braucht, um sich von seiner besten Seite zu zeigen. Und während selbst die Szene einer Hochzeit auf die einfachste Art und Weise dargestellt wird, durch kleine, zärtliche Gesten des Alltags – wie zum Beispiel ein schnelles Mittagessen mit einer Freundin, um die besagte Hochzeit zu feiern – zeigt sich Schwitzkasten unglaublich zart und poetisch. Ein Zeichen eines Talents, nämlich das von John Cook, das nie richtig gefeiert wurde, das aber im Laufe der Jahre unweigerlich bemerkt worden ist. Ein Zeichen einer Sensibilität in der Darstellung von Jugend und Wiener Sommern, wie sie nur wenigen gelungen ist. Und das Bild eines jungen, verliebten Paares beim Picknick im Schatten eines Baumes auf der Donauinsel wird noch lange in Erinnerung bleiben.

Titel: Schwitzkasten
Regie: John Cook
Land/Jahr: Österreich / 1978
Laufzeit: 97’
Genre: Drama
Cast: Hermann Juranek, Christa Schubert, Franz Schuh, Werner Juranek, Waltraud Misak, Josef Boselmann, Elisabeth Boselmann, Johanna Froidl, Ernst Neuhold
Buch: John Cook, Helmut Zenker
Kamera: Helmut Pirnat
Produktion: ebf-Film, Rudolf Klingohr

Info: Die Seite von Schwitzkasten auf der Webseite der Viennale; Die Seite von Schwitzkasten auf iMDb; Die Seite von Schwitzkasten auf der Webseite vom Filmarchiv Austria