wohnhaft-erdgeschoss-2020-soldat-kritik

WOHNHAFT ERDGESCHOSS

      Keine Kommentare zu WOHNHAFT ERDGESCHOSS

This post is also available in: Italiano (Italienisch) English (Englisch)

von Jan Soldat

Note: 8

Immer interessiert an einer Welt, die den meisten Menschen unbekannt ist, an der Welt der Ausgegrenzten, derer, die als „anders“, „pervers“, „krank“ gelten, nimmt uns der junge deutsche Dokumentarfilmer Jan Soldat in seinem Dokumentarfilm Wohnhaft Erdgeschoss mit in Heikos Alltag – lässt ihn sich anvertrauen und zeigen, wie er ist – und zeigt sich dabei so distanziert wie nötig, aber auch unglaublich nah an seinem Charakter.

In der Welt von Heiko

Der in der internationalen Filmszene sehr geschätzte junge deutsche Regisseur und Dokumentarfilmer Jan Soldat hat einen unverwechselbaren Stil, mit dem er von einer Welt erzählt, die den meisten Menschen unbekannt ist, der Welt der Ausgegrenzten, derer, die als „anders“, „pervers“, „krank“ gelten. Die Welt derer, die tagtäglich gerne bestimmte sexuelle Praktiken ausüben, die von den meisten übermäßig wertend beobachtet werden. Das gilt für die Protagonisten von Filmen wie Geliebt (2010), Zucht und Ordnung (2012), Der Unfertige (2013) oder auch Wohnhaft Erdgeschoss, der als Österreich-Premiere bei der Viennale 2020 präsentiert und von Deutschland und Österreich produziert wurde.

Auch dieses Mal konzentriert sich der Regisseur auf einen bestimmten Charakter. Auch diesmal erzählt dieser Charakter seine Geschichte vor der Kamera, reißt alle Barrieren nieder und zeigt sich, wie er ist, ohne Masken und oft nackt, da er es gewohnt ist, seine Tage allein zu verbringen.

Es handelt sich um den 51-jährigen Heiko, einen Mann mit schwieriger Vergangenheit, Opfer eines gewalttätigen Vaters und ständig, vor allem telefonisch, von einer übermäßig strengen Mutter drangsaliert. Der Mann, der früher als Arbeiter gearbeitet hat, aber seit dem Fall der Berliner Mauer arbeitslos ist, verbringt seine Tage meist in seiner kleinen Wohnung und sieht sich am Computer pornografische Filme an, in denen hauptsächlich homosexuelle Paare beim gegenseitigen Urinieren zu sehen sind. Ebenso hat Heiko die Angewohnheit, auf sich selbst und auf sein Bett zu urinieren. Diese Praxis ist seiner Meinung nach viel häufiger, als die Menschen glauben machen wollen.

Jan Soldat, der sich schon immer für den menschlichen Körper interessiert hat, der in seinen Dokumentarfilmen bestimmte Realitäten in Bezug auf sexuelle Praktiken aufzeigen will, über die selten gesprochen wird, zeigt sich nie wertend und will keine präzise Botschaft vermitteln, die dazu bestimmt ist, breitere Konnotationen anzunehmen. In Wohnhaft Erdgeschoss folgt er einfach Heikos Alltag, er lässt ihm die Freiheit, sich anzuvertrauen, sich so zu verhalten, als wäre die Kamera nicht da. Und so kommt langsam sein ganzer komplizierter Hintergrund zum Vorschein, die schwierige Beziehung zu seinen Eltern und die glückliche Kindheit, die er bei seinen Großeltern verbracht hat, in einem kleinen Landhaus, das nach deren Tod nun unbewohnt ist.

In Wohnhaft Erdgeschoss wird unser Heiko wütend, weint, zeigt sich verwundbar und nostalgisch und erst als er allein in seiner Wohnung ist, zieht er sich aus und führt seine Praxis aus, um sich endlich frei und zufrieden zu fühlen.

Erst gegen Ende des Films stellt Jan Soldat ihm ein paar Fragen, hauptsächlich zu seinen Gewohnheiten. Fast die gesamte Dauer des Dokumentarfilms über lässt der Regisseur Heiko einfach gewähren und ihm jeden Aspekt seines Lebens zeigen. Und so, so distanziert wie nötig, aber auch nah an seinem Charakter, bestätigt der junge Regisseur mit Wohnhaft Erdgeschoss sein außergewöhnliches Talent als Beobachter der Menschen, seine außergewöhnliche Fähigkeit, Geschichten über Menschen zu erzählen, die aufgrund ihrer „Merkwürdigkeiten“ am Rande der Gesellschaft leben.

Stets durch das Kino von Ulrich Seidl, Christoph Schlingensief und Thomas Heise inspiriert, und seit seiner Jugend tätig, zeichnet sich Jan Soldat durch einen Stil aus, der nie banal oder vorhersehbar ist. Viele Leute im Ausland haben schon sein Talent bemerkt. Und dieser kleine, kraftvolle Wohnhaft Erdgeschoss lässt uns eine ganz neue Welt erleben, unterhält uns, lässt uns aber vor allem Zärtlichkeit für seinen Protagonisten empfinden, der so unglaublich sensibel und so außergewöhnlich verwundbar ist.

Titel: Wohnhaft Erdgeschoss
Regie: Jan Soldat
Land/Jahr: Österreich, Deutschland / 2020
Laufzeit: 48’
Genre: Dokumentarfilm
Buch: Jan Soldat
Kamera: Jan Soldat
Produktion: Jan Soldat

Info: Die Seite von Wohnhaft Erdgeschoss auf der Webseite der Viennale; Die Seite von Wohnhaft Erdgeschoss auf der Webseite der Sixpack Film; Die Seite von Wohnhaft Erdgeschoss auf der Webseite von Jan Soldat