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DIE GLÜCKLICHEN MINUTEN DES GEORG HAUSER

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von Mansur Madavi

Note: 8.5

Konstante und stampfende Geräusche, vor allem im ersten Teil des Spielfilms, sind die absoluten Protagonisten in Die glücklichen Minuten des Georg Hauser, dem Debütfilm von Mansur Madavi, der oft sogar an John Carpenters Sie leben, aber auch an Tatis herrliche Zeiten von Jacques Tati erinnert. Und in dem Moment, in dem der Protagonist endlich aus dem Teufelskreis der kapitalistischen Gesellschaft auszubrechen scheint, erscheint er allen als wahnsinnig, potenziell gefährlich für sich und andere.

Magische Brille

Was würde passieren, wenn wir die Welt so sehen könnten, wie sie wirklich ist? Wie würden die Menschen uns sehen, wenn wir nicht mehr Teil eines bestimmten Systems wären? Der im Iran geborene, aber in Österreich lebende Filmemacher Mansur Madavi versuchte, diese Fragen zu beantworten. Und so entstand 1974 Die glücklichen Minuten des Georg Hauser, sein Debütfilm, der bei der Viennale 2020 in der vom Filmarchiv Austria kuratierten Reihe Austrian Auteurs präsentiert worden ist.

Die glücklichen Minuten des Georg Hauser ist eine wahre Perle des österreichischen Films. Bis vor wenigen Jahren galt der Film jedoch als endgültig verschollen und wurde dann, fast zufällig vom Filmarchiv Austria gefunden, restauriert und schließlich wieder dem Publikum zugänglich gemacht. Aber warum wird dieser Spielfilm heute als so wichtig angesehen? Inwiefern war er ein Vorläufer von wichtigen Werken, die die Filmgeschichte geschrieben haben?

Georg Hauser (gespielt von dem kürzlich verstorbenen Walter Bannert) ist ein 30-jähriger Mann, der gerade von einer Firma eingestellt worden ist. Sein Chef hat ihm gleich zu Beginn des Gesprächs gesagt, dass nur ehrgeizige und willige junge Menschen im Leben weiterkommen und Erfolg haben können. Diese Worte, sind die letzten, die wir während des Films hören. Von diesem Moment an beginnt für den Protagonisten eine Routine, die durch den Klang des Weckers, das Klappern von Schreibmaschinentasten und die Stimmen des Fernsehers geprägt ist. Dann passiert plötzlich das Unerwartete: Georg Hauser wird von einem Auto angefahren. Der junge Mann bleibt unverletzt, aber seine Brille geht zu Bruch. Er ist gezwungen, neue Brille zu kaufen, und in dem Moment, in dem er sie aufsetzt, beginnt er die Welt mit ganz anderen Augen zu sehen.

Woran erinnert uns das? Es ist unmöglich, nicht an John Carpenters Meisterwerk Sie leben zu denken, das 1988 entstand, also vierzehn Jahre nach Die glücklichen Minuten des Georg Hauser, aber auch an Jacques Tatis wunderschönen Tatis herrliche Zeiten (1967), vor allem was die Anfangssequenzen über den Alltag des Protagonisten und die Abwesenheit von Dialogen betrifft. Und wenn dieser wichtige Spielfilm von Mansur Madavi auch mit Der siebente Kontinent (1989) seines Landsmannes Michael Haneke verglichen wurde, so liegt das auch an einer bestimmten Szene, wenn Georg Hauser sich mit einem Beil in der Hand auf das Auto seines Chefs stürzt.

Konstante und stampfende Geräusche sind die absoluten Protagonisten, besonders im ersten Teil des Spielfilms. Und doch scheint der Protagonist in dem Moment, in dem er endlich aus dem Teufelskreis der kapitalistischen Gesellschaft auszubrechen scheint, in den Augen aller wahnsinnig, potentiell gefährlich für sich und andere. Und das erfordert Sofortmaßnahmen. So beginnt ein konstantes, gelungenes Crescendo der Spannung, dank dem sich der Zuschauer, ähnlich wie der Protagonist, mehr und mehr verloren fühlt, ein starkes Gefühl von Schwindel und Klaustrophobie verspürt, sich extrem entsetzt fühlt. Wie lange werden wir auf die ersehnte endgültige Befreiung warten müssen? Oder, noch besser, wird jemals der Moment kommen, in dem man sich endlich frei fühlen kann?

Mansur Madavi überlässt in seinem wertvollen Werk Die glücklichen Minuten des Georg Hauser nichts dem Zufall. Und in einer ebenso surrealen wie experimentellen Inszenierung hat er alles bis ins kleinste Detail durchdacht und beweist eine tiefe und kluge Voraussicht. Der Film bekam jedoch nie die Aufmerksamkeit, die er verdient hätte. Könnte es sein, dass jetzt endlich die Zeit gekommen ist, seinen unbestrittenen Wert zu erkennen?

Titel: Die glücklichen Minuten des Georg Hauser
Regie: Mansur Madavi
Land/Jahr: Österreich / 1974
Laufzeit: 75’
Genre: Drama, Surrealistischer Film
Cast: Walter Bannert, Ernst Epler, Lore Heuermann, Lili Glas, Christine Heuer, Wilhelm Herzog, Dieter Schrage
Buch: Mansur Madavi, Dieter Schrage, Wilhelm Diem
Kamera: Mansur Madavi
Produktion: Cinecoop-Film

Info: Die Seite von Die glücklichen Minuten des Georg Hauser auf der Webseite der Viennale; Die Seite von Die glücklichen Minuten des Georg Hauser auf der Webseite vom Filmarchiv Austria; Die Seite von Die glücklichen Minuten des Georg Hauser auf iMDb