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DIE ERSTEN TAGE

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von Herbert Holba

Note :7.5

Mit Die ersten Tage wurde eine neue österreichische Filmbewegung geboren. Eine Filmbewegung, in der versucht wurde, vom nationalen Produktionskanon abzuweichen, mit neuen Filmsprachen zu experimentieren und nach neuen Wegen der Beziehung zur siebten Kunst zu suchen. Und so spielt Die ersten Tage in einem Niemandsland zwischen Gestern und Morgen und wird von der Vergangenheit inspiriert, um eine mögliche Zukunft zu erzählen.

Gestern, heute und morgen

Wie üblich präsentiert die Viennale seit einiger Zeit auch zahlreiche Retrospektiven im Rahmen ihres Programms. Im Rahmen dieser Viennale 2020 ist die vom Filmarchiv Austria kuratierte Retrospektive Austrian Auteurs mit einer Auswahl von Spielfilmen, die zwischen Anfang der 1970er und Anfang der 1980er Jahre vor allem von unabhängigen Filmemachern entstanden sind, besonders interessant. Dazu gehört auch der Spielfilm Die ersten Tage, der 1971 unter der Regie von Herbert Holba entstand und heute zu den vergessenen Perlen des österreichischen Films zählt.

Der Debütfilm des Regisseurs, Kurators und Radiomoderators, Die ersten Tage, spielt zwar in einer Art dystopischer Zukunft, zeichnet sich aber durch eine an das frühe Kino erinnernde Inszenierung aus (nicht zufällig ist der Film sowohl den Brüdern Skladanowsky als auch den deutschen Stummfilmregisseuren Manfred Noa und Otto Rippert gewidmet). Ganz im Sinne des Stummfilms führen uns also ein rohes Schwarz-Weiß und siebenundsechzig Bildunterschriften in eine sehr einzigartige Realität.

Wir befinden uns in einem „Niemandsland zwischen gestern und morgen“. Die Zivilisation ist zerstört worden. Eine Gruppe jugendlicher Nomaden wandert durch die Wälder. Innerhalb ihrer Gemeinschaft werden sofort Regeln und Rollen festgelegt. Es gibt sogar einen Häuptling, einen Einfaltspinsel, einen Einzelgänger und zwei seltsame Ritter. Dazu kommt natürlich eine Gruppe von jungen und sehr jungen Menschen, die alle ihr eigenes Gleichgewicht innerhalb dieser neuen Realität suchen, die an den berühmten Roman Herr der Fliegen von William Golding erinnert.

Es mangelt in Die ersten Tage nicht an Szenen extremer Gewalt, brutalen Vergiftungen, Schlägereien und sogar an kannibalischen Handlungen. Doch gleichzeitig verwässert ein leichter, oft sogar ironischer Regieansatz das, was die Bilder uns sagen. Und Herbert Holba will diesen wertvollen Spielfilm vor allem zu einem politischen Instrument machen, zu einer kraftvollen Allegorie auf die heutige Gesellschaft und all ihre Hässlichkeit.

Besonders interessant ist die Form, in der Die ersten Tage präsentiert wird. Der Regieansatz, der dem Kino der Vergangenheit huldigt, aber gleichzeitig eine völlig agile und dynamische Kamera verwendet, passt gut zur Popmusik der österreichischen Kult-Rockband Paternoster, die sich inzwischen längst aufgelöst hat.

Das Kino von Herbert Holba – wie auch das vieler seiner Kollegen und Freunde, darunter Antonis Lepeniotis, Mansur Madavi und Wilhelm Pellert – sieht in Die ersten Tage den Beginn einer neuen – wenn auch kurzen – österreichischen Filmbewegung. Eine Filmbewegung, die von einer Gruppe unabhängiger Filmemacher zu einer Zeit ins Leben gerufen wurde, als es noch keine wichtigen Institute zur Förderung des österreichischen Films gab, als noch zu wenig Geld für das Filmschaffen zur Verfügung stand, als neben den erotischen Komödien von Franz Antel Filme entstanden, die sich langsam vom Kanon des Wiener Films zu lösen versuchten.

Auch wenn diese Filmbewegung nicht lange anhielt, so brachte sie doch viele interessante Filme hervor, jeder mit seiner eigenen ausgeprägten Persönlichkeit, jeder mit dem Versuch, mit neuen Filmsprachen zu experimentieren. Das gilt auch für Die ersten Tage, der in einem Niemandsland zwischen Gestern und Morgen spielt und sich von der Vergangenheit inspirieren lässt, um eine ungewöhnliche, mögliche Zukunft zu erzählen. Ein kleiner, feiner Spielfilm, der heute noch so zeitgemäß ist wie damals, als er zum ersten Mal auf der großen Leinwand gezeigt wurde.

Titel: Die ersten Tage
Regie: Herbert Holba
Land/Jahr: Österreich / 1971
Laufzeit: 77’
Genre: Drama, Experimentalfilm
Cast: Ariane Niehoff, Olga Felber, Heinz Herki, Karlheinz Hayek, Gerhard Stingl, Wolfgang Karner, Peter Kadluz, Wilhelm Pellert, Nora Aschacher, Ingeborg Staudt, Josef Frieser, Robert Trampitsch, Jakob Holzer, Ferdinand Bischofter, Elfriede Stromberger, Helmo Wisser
Buch: Ernst A. Ekkert, Herbert Holba, Wilhelm Pellert
Kamera: Xaver Schwarzenberger
Produktion:Action Film Club

Info: Die Seite von Die ersten Tage auf der Webseite der Viennale; Die Seite von Die ersten Tage auf iMDb; Die Seite von Die ersten Tage auf der Webseite vom Filmarchiv Austria