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AD UNA MELA

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von Alice Rohrwacher

Note: 8

Wichtige Verweise auf Literatur, Philosophie und die Filmwelt, eine federleichte Atmosphäre und ein willkommener Hauch von Surrealismus – zusammen mit Pastelltönen, die durch Super8-Aufnahmen noch verstärkt werden – geben das Wesen von Ad una Mela, dem Viennale 2020 Trailer, unter der Regie von Alice Rohrwacher, perfekt wieder.

Verbotene Früchte

In nur zwei Minuten kann man viel sagen. Die berühmte italienische Regisseurin Alice Rohrwacher weiß das ganz genau: Anlässlich der Viennale 2020 hat sie den Festivaltrailer Ad una Mela gedreht, der sich durch kurze, aber bedeutungsvolle Bilder und durch wichtige Verweise auf Literatur, Religion und sogar die Filmwelt auszeichnet.

Wir sind in der Nähe des Bolsena-Sees, wo die Regisseurin wohnt. Es ist Frühling und nach einem eher schwierigen Winter hat die Sonne wieder angefangen zu scheinen. Einige wenige, wesentliche Noten einer Klavier-Übung von Bach. Der Schatten eines Mädchens an einer Hauswand. Ein Korb voll mit verlockenden roten Äpfeln. Der Schatten der Hand des Mädchens schleicht sich an den Korb mit den Äpfeln heran. Dann, plötzlich, greift sie – fast zaghafter – einen davon. Die Hand des Mädchens ist nicht zu sehen, der Korb mit den Äpfeln scheint unberührt zu sein. Doch gleichzeitig zeigen uns die Schatten etwas anderes: Die Hand, die eine Frucht wegnimmt.

Dann, endlich, die Nahaufnahme von ihr, die zufrieden den Apfel isst. Ein völlig unschuldiges, lächelndes und junges Gesicht. Ein Gesicht, dem es egal zu sein scheint, was es bedeuten könnte, eine verbotene Frucht „gestohlen“ zu haben. Das Mädchen wird von der jungen Anita Crucitti gespielt, der Tochter der Regisseurin, die kein Kind mehr aber auch noch nicht jugendlich ist. Und so repräsentiert sie perfekt ein Alter, das eine der wichtigsten Phasen des Wachstums markiert: Den Übergang von der Kindheit zum Erwachsensein.

Und genau das repräsentiert der Apfel: Den Verlust der Unschuld (die aber in Ad una Mela noch spürbar ist), eine Öffnung hin zum Wissen, einen wichtigen Übergang des Wachstums. Ganz im Sinne des Gedichts Ode an den Apfel von Pablo Neruda, dessen Stimme wir am Ende des Films das besagte Gedicht rezitieren hören.

Schuldig oder unschuldig? Das Bild des Mädchens, von hinten aufgenommen und mit dem Apfel auf dem Kopf, erinnert sofort an eine andere Figur: Wilhelm Tell. Und wir sehen ihre pure Unschuld, gefährlich ausgeliefert der Erwachsenenwelt. Vor allem aber vermitteln eine federleichte Atmosphäre und ein willkommener Hauch von Surrealismus – zusammen mit Pastelltönen, die durch Super8-Aufnahmen noch verstärkt werden – perfekt das Wesen von Ad una Mela.

Und dann gibt es natürlich noch das Kino. Und es gibt auch Platon, der in seinem Höhlengleichnis, in dem er die Schatten in einer Höhle beschreibt, zum ersten Mal von Bildern spricht, die auf eine große Fläche projiziert werden. Der Schatten der Hand des Mädchens, der auf die Wand des Hauses projiziert wird, stellt ebenfalls eine „künstliche“ Realität dar, eine Realität, die sich von dem unterscheidet, was im wirklichen Leben geschieht, aber vielleicht gerade deshalb noch schöner, noch bedeutungsvoller ist. Genau aus diesem Grund kann Ad una Mela auch als eine Hommage an die siebte Kunst interpretiert werden.

2018 hatte Alice Rohrwacher ihren Film Lazzaro Felice bei der Eröffnung der Viennale präsentiert. Während dieser besonderen Ausgabe von 2020 wird Ad una Mela vor vielen anderen Filmen gezeigt, als ob es einen weiteren, wichtigen Übergang anzeigen würde, der diesmal ausschließlich die Filmwelt betrifft. Im Laufe des letzten Jahres sind wichtige Ereignisse eingetreten, die das Leben eines jeden von uns unweigerlich beeinflussen und zahlreiche Veränderungen in unserem Alltag notwendig machen werden. Auch die Filmwelt wird sich wohl auf diese Veränderungen einstellen müssen. Und vielleicht wird es in Zukunft neue Wege geben, die siebte Kunst selbst zu genießen. Und so wird Ad una Mela auch zur Metapher für eine grundlegende Etappe der Filmgeschichte. Wir wissen noch nicht, ob sich die Dinge in Zukunft wirklich ändern werden. In der Zwischenzeit sind die poetischen Bilder eines jungen Mädchens an einem warmen Frühlingsnachmittag ein willkommener Auftakt zu einer neuen, spannenden Geschichte auf der großen Leinwand.

Titel: Ad una Mela
Regie: Alice Rohrwacher
Land/Jahr: Italien, Österreich / 2020
Laufzeit: 2’
Genre: Surrealistischer Film, Experimentalfilm
Cast: Anita Crucitti
Buch: Alice Rohrwacher
Kamera: Alice Rohrwacher
Produktion: Alice Rohrwacher, Viennale, Avventurosa, Ring Film

Info: Die Seite von Ad una Mela auf der Webseite der Viennale