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ÜBER-ICH UND DU

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von Benjamin Heisenberg

Note: 6.5

In Über-Ich und Du erleben wir ein wahres Crescendo an Emotionen und paradoxen Situationen. Und der Spielfilm – der sich vor allem auf die hervorragenden Leistungen von André Wilms und Georg Friedrich stützt – will vor allem darüber lachen, was Nationen wie Österreich und Deutschland „berühmt“ gemacht hat und schafft es, über die gesamte Dauer ein gutes Erzähltempo zu halten. Auch wenn das Ende ein wenig zu überstürzt wirkt.

Feinde oder Freunde?

Österreich und Psychoanalyse. Deutschland und das große Schuldgefühl wegen der Ereignisse des Zweiten Weltkriegs. Dies sind Themen, die oft in Filmen behandelt werden. Doch was passiert, wenn Österreich und Deutschland aufeinandertreffen und beschließen, eine Art Krasis zwischen diesen beiden Eigenheiten zu schaffen? Einer der Spielfilme, der diese Merkmale am besten erfüllt, ist der witzige Über-Ich und du von Benjamin Heisenberg aus dem Jahr 2014, in dem sich zwei außergewöhnliche Schauspieler des französischen und österreichischen Kinos (aber nicht nur) – André Wilms und Georg Friedrich – treffen, um eine Komödie im Zeichen scheinbarer Widersprüche, Paradoxien und auch (unerwarteter) Freundschaft zu schaffen.

Auf den ersten Blick scheinen sie nichts gemeinsam zu haben: Curt Ledig (Wilms), ein siebzigjähriger renommierter Psychologe mit einer makellosen Gegenwart, aber einer dunklen Vergangenheit, und Nick (Friedrich), ein typischer Wiener Strizzi mit sanfter Seele, der für seinen Lebensunterhalt antike Bücher schmuggelt, aber bei der Unterwelt hoch verschuldet ist. Um nicht von seinen Gläubigern gefunden zu werden, beschließt Nick, sich in eine momentan unbewohnte, prächtige Villa zu flüchten. Schade nur, dass er dort entdeckt, dass Curt in der Villa wohnt, ein Interview für einen lokalen Fernsehsender machen will und im Begriff ist, ein Gipfeltreffen zu organisieren, das sich mit den Themen seines neuesten Buches beschäftigt. Curt hingegen, der mit Gedächtnisverlust und verschiedenen Beschwerden zu kämpfen hat, findet Nick als ungewöhnlichen klinischen Fall zum Studieren äußerst interessant. Wie viel werden sie voneinander lernen müssen?

Alles in Über-Ich und Du basiert auf Gags. Vor allem am Anfang, wenn paradoxe Situationen – zum Beispiel, wenn Nick einen alten Freund von Curt mit einer Ausrede wegschicken will – urkomisch sind. Dies dank eines Drehbuchs, das eine scheinbar einfache, aber in Wirklichkeit äußerst komplexe Geschichte in Bezug auf die Charakterisierung der Figuren anmutig umsetzt, und vor allem dank der Mimik und Gestik der beiden großartigen Protagonisten. Besonders erwähnenswert sind auch einige Nebenfiguren, die sich mit dem richtigen Aplomb bemerkbar machen, darunter die hervorragende Maria Hofstàtter, die diesmal die Rolle der „Mutter“ spielt, die viel gefährlicher ist, als ihr beruhigender Künstlername vermuten lässt.

Eine Reihe von Ticks charakterisieren mal den einen, mal den anderen Protagonisten. Und auch wenn beide zunächst gegensätzlich erscheinen, werden sie nach und nach fast zu einer Einheit. Bis zu dem Punkt, an dem man fast nicht mehr in der Lage ist, das rechte Auge offen zu halten. Sogar bis zu dem Punkt, dass man die Küche nicht mehr betreten kann. Wie wird die Psychoanalyse ihr Leben beeinflussen? Wie wird die Vergangenheit in die Gegenwart zurückkehren? Heisenbergs Film will keine brennenden Fragen aufwerfen, lässt aber gleichzeitig zahlreiche Fragen offen. Der eigentliche Fokus liegt hier woanders.

In Über-Ich und Du erleben wir ein wahres Crescendo der Gefühle und paradoxen Situationen. Dies ist einem Drehbuch zu verdanken, das vor allem darüber lachen will, was Nationen wie Österreich und Deutschland „berühmt“ gemacht hat, und das es schafft, über die gesamte Laufzeit ein gutes Erzähltempo zu halten. Auch wenn sich das Ende ein wenig zu überstürzt anfühlt. Auch wenn ein bunter deus ex machina alle schockiert. Für eine entspannende Fahrt mit dem Heißluftballon ist immer Zeit. Wichtig ist, dass man zunächst seine eigene Gelassenheit findet, sich besser kennenlernt und schließlich seinen Frieden mit der Vergangenheit schließt.

Titel: Über-Ich und Du
Regie: Benjamin Heisenberg
Land/Jahr: Deutschland, Österreich, Schweiz / 2014
Laufzeit: 93’
Genre: Filmkomödie
Cast: André Wilms, Georg Friedrich, Bettina Stucky, Susanne Wolff, Elisabeth Orth, Maria Hofstätter, Margarita Broich, Markus Schleinzer, Nina Fog, John Keogh, Johanna Bantzer, Annina Euling, Nicolas Wackerbarth, Saskia Walker, Gonny Gaakeer, Philippe Graber, Hildegard Schroedter, Tomas Jester, Hakan Orbeyi, Monica Rayes, Andreas Nickl, Leonard Carow, Michael Wittenborn, Florian Stetter, Paul Herwig
Buch: Benjamin Heisenberg, Josef Lechner
Kamera: Reinhold Vorschneider
Produktion: Novotny & Novotny Filmproduktion, Komplizen Film, Vega Film

Info: Die Seite von Über-Ich und Du auf iMDb; Die Seite von Über-Ich und Du auf der Webseite vom Österreichischen Filminstitut