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EIN HALBES LEBEN

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von Nikolaus Leytner

Note: 5.5

In Nikolaus Leytners Ein halbes Leben werden durch eine Fernsehinszenierung komplexe moralische Fragen zu Wut, Groll, Trauer und Schuld aufgeworfen.

Abbitte

In welchem besonderen Kontext ist der von Österreich und Deutschland koproduzierte Spielfilm Ein halbes Leben von Nikolaus Leytner (2008) zu sehen?

Österreich und Deutschland versuchen sich oft und gerne an Detektiv- und Kriminalfilmen. Dies geschieht jedoch viel häufiger im Fernsehen als im Kino. Ein Beispiel? Die zahlreichen Fernsehserien – darunter Derrick, Kommissar Rex und Tatort -, die vor allem ab Mitte der siebziger Jahre bis etwa Ende der neunziger Jahre sehr erfolgreich waren und noch heute von verschiedenen Fernsehsendern ab und zu ausgestrahlt werden.

Nach dem Erfolg dieses Genres werden bis heute zahlreiche weitere Serien und Spielfilme mit einem ähnlichen Ansatz produziert. Und so entstehen neue, komplexe Geschichten, in denen nicht nur abscheuliche Verbrechen, sondern auch – und vor allem – die Charaktere, ihre Gefühle und heikle moralische Fragen in den Vordergrund rücken.

Ein halbes Leben ist also auch Teil dieses reichen Kontextes. Und der Film zeichnet sich durch einen Regieansatz aus, in dem komplexe moralische Fragen zu Wut, Groll, Trauer und Schuld aufgeworfen werden.

Ulrich Lenz (gespielt von Josef Hader) arbeitet als Fahrer in der Wiener U-Bahn. Der Mann versucht, ein normales Leben zu führen und steht kurz davor, seine Verlobte (Ursula Strauss) zu heiraten. Er hat jedoch eine dunkle Vergangenheit und nachdem er eine Haftstrafe wegen Vergewaltigung verbüßt hat, stellt sich bald heraus, dass er nie für den Mord an einer 20-Jährigen während einer Disco-Nacht verhaftet wurde.

Daneben gibt es noch die Eltern des Mädchens (gespielt von Matthias Habich und Franziska Walser). Der Vater hat nie aufgehört, nach dem Mörder seiner Tochter zu suchen, und als eine neue Ermittlungsmethode mittels DNA-Analyse eingeführt wird, will er um jeden Preis den Schuldigen finden.

Ein halbes Leben spielt sich über mehrere Jahre und auf zwei verschiedenen Ebenen ab. Nikolaus Leytner (der auch das Drehbuch schrieb) zeigt uns durch eine Parallelmontage die innere Qual von Ulrich Lenz und die des Vaters des Mädchens. Doch wie verändern sich die Gefühle der beiden im Laufe der Jahre? Und, was noch wichtiger ist, wie verändert sich ihr Leben im Laufe der Zeit? Ist es besser, mit seinem Leben weiterzumachen, als wäre nichts geschehen, oder seine Schuld zu sühnen, indem man sich endlich „frei“ fühlt? Wird es besser sein, einen Schuldigen zu finden, oder wird man, sobald dieser seine Strafe erhalten hat, auf mysteriöse Weise keinen Zorn mehr gegen ihn empfinden können?

Es gibt viele Fragen, die Leytner in Ein halbes Leben aufwirft. Und sie sind auch nicht so einfach zu handhaben. Und neben ständiger, fast schon „schwerfälliger“ Musik und Drachen, die fliegen, ohne scheinbar von jemandem geführt zu werden, stellen die Gefühle der Charaktere (hier auch dank einer hervorragenden Besetzung optimal dargestellt) das interessanteste Element des Films dar. Doch je näher wir dem Finale kommen, desto banaler und vorhersehbarer wird alles behandelt.

Schade. Vor allem, weil der Film großes Potenzial hat. Schade, dass am Ende alles völlig „vereinfacht“ wird. Und es ist auch schade, dass der Charakter von Ulrich Lenz – der immer noch an sporadischen Wutanfällen leidet – nicht richtig mit all seinen interessanten und möglichen Facetten entwickelt wird.

Nicht immer gewinnen also gute Absichten die Oberhand über vergangenen Groll. Und das funktioniert nicht immer in einem Film. Und manchmal ist es notwendig, sich „die Hände schmutzig zu machen“, um ein komplexes und vielschichtiges Werk zu schaffen.

Titel: Ein halbes Leben
Regie: Nikolaus Leytner
Land/Jahr: Österreich, Deutschland / 2008
Laufzeit: 95’
Genre: Drama, Noir, Polizeifilm
Cast: Matthias Habich, Josef Hader, Franziska Walser, Wolfgang Böck, Ingrid Burkhard, Katharina Straßer, Ursula Strauss, Cornelius Obonya, Franziska Weisz, Wolfgang S. Zechmayer, Anna Yntema, Kristina Yntema, Alois Frank, Sabine Hergert, Eva Linder, Manfred Stella, Robert Wiesner, Marcus Thill
Buch: Nikolaus Leytner
Kamera: Hermann Dunzendorfer
Produktion: Allegro Film, Zweites Deutsches Fernsehen, ORF

Info: Die Seite von Ein halbes Leben auf iMDb; Die Seite von Ein halbes Leben auf der Webseite der Allegro Film