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VERGISS SNEIDER!

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von Götz Spielmann

voto:7.5

Bei Vergiss Sneider!, dem mittellangen Abschlussfilm von Götz Spielmann, spielt sich alles in einer zeitlosen Dimension ab. Und neben einem schwarzen Humor, neben einer pulsierenden Erotik, neben Figuren, deren Obsessionen auf die Spitze getrieben werden, schöpft die Inszenierung aus dem Absurden Theater, dem Kino von Roman Polanski und den Hollywood-Science-Fiction-Filmen der 1950er und 1960er Jahre.

In den Schönbrunner Zimmern

Von einem mutigen Regisseur wie Götz Spielmann erwartet man alles. Und auch wenn wir an Vergiss Sneider! denken, seinen mittellangen Abschlussfilm an der Filmakademie Wien aus dem Jahr 1987, fällt uns sofort ein äußerst reifer und sorgfältiger Regieansatz auf, der surreale, aber nie übertriebene oder banale Situationen schafft.

Spielmann hat sich dabei von dem inspirieren lassen, was in der Vergangenheit gemacht wurde, aber gleichzeitig eine völlig neue Dimension geschaffen. Tatsächlich werden hier die Abenteuer von fünf Personen inszeniert, die nichts mit den anderen gemein zu haben scheinen und in einer Art Vorhölle (im Schloss Schönbrunn) leben.

Teil dieser bizarren Gruppe ist Pollux (gespielt von Wolfgang Böck), ein ehemaliger Boxer, der von seinem Gegner Sneider besessen ist, mit dem er sich aufgrund unerwarteter und mysteriöser „Planänderungen“ nie treffen konnte. Heck (Wolf Bachofner) hingegen ist ein Trompeter, der kein Publikum mehr findet, das ihm zuhört. Carmen (Claudia Martini) ist eine charmante Frau mit einer starken Persönlichkeit. Und während eine ältere taubstumme Dame (Eleonora von Thurn und Taxis) gelegentlich in der Haupthalle auftaucht, ist Kaminski (Jörg Gillner) noch geheimnisvoller: Er muss seine Mitbewohner mit Essen versorgen und einen speziellen Schutzanzug tragen, bevor er das Haus verlässt.

Warum scheinen diese fünf Charaktere die einzigen Lebewesen zu sein, die noch auf der Erde leben? Wie stehen die Dinge wirklich? Spielmann vermeidet dabei jede banale Erklärung, sondern lässt den Zuschauer seine eigenen Schlüsse ziehen. Und seine besondere Inszenierung spricht für sich selbst.

Ein überbelichtetes Schwarz-Weiß – das fast den Eindruck einer Dimension erweckt, in der die Zeit (kurzzeitig?) stehen geblieben zu sein scheint – wird sofort zum Markenzeichen von Vergiss Sneider!. Ebenso vermittelt der einzige Drehort sofort ein ungewöhnliches Gefühl von Klaustrophobie (wie in einem Spielfilm von Roman Polanski). Die Weite der Räume und die Freiheit der Charaktere, sich innerhalb eines riesigen Schlosses frei zu bewegen, lässt uns sofort an eine „begrenzte“, unechte Freiheit denken, an einen goldenen Käfig, aus dem man absolut nicht herauskommt. Es sei denn, man ist bereit, sich einer großen Gefahr zu stellen.

Bei Vergiss Sneider! spielt sich alles in einer zeitlosen Dimension ab. Und neben einem schwarzen Humor, neben einer pulsierenden Erotik (die typisch für die Filme des Welser Regisseurs ist), neben Charakteren, deren Eigenschaften auf die Spitze getrieben werden (inklusive Pollux‘ Besessenheit von Sneider), erinnert die Inszenierung deutlich ans Absurde Theater, ans Kino von Polanski und sogar an Hollywood-Science-Fiction-Filme der 1950er und 1960er Jahre.

Der Rest ist einfach das Kino von Götz Spielmann. Oder, genauer gesagt, das, was das Kino von Götz Spielmann werden sollte. Das Kino von Götz Spielmann mit all seinen von atavistischen Obsessionen gequälten Protagonisten, die nie zur Ruhe zu kommen scheinen. Oder nicht? Was steht vor der Tür? Und wer sind all die eleganten Herren, die sich zusammen mit einem Reiseleiter, der ihnen die Pracht der österreichisch-ungarischen Monarchie zeigt, bald in Luft auflösen?

Vergiss Sneider! stellt den Beginn einer sehr produktiven Karriere dar, deren Kanons vorweggenommen und die Konstanten auf die Spitze getrieben werden. Und dieser stark surreale Mittellangfilm offenbart sofort einen reifen und auf Details achtenden Regieansatz. Trotz geringerer Erfahrung.

Titel: Vergiss Sneider!
Regie: Götz Spielmann
Land/Jahr: Österreich / 1987
Laufzeit: 63’
Genre: Surrealistischer Film, Groteskfilm
Cast: Wolfgang Böck, Claudia Martini, Wolf Bachofner, Eleonora von Thurn und Taxis, Elmar Prack, Jörg Gillner
Buch: Götz Spielmann
Kamera: Peter Zeitlinger
Produktion: Götz Spielmann, Eva Mayer

Info: Die Seite von Vergiss Sneider auf iMDb