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TEMPO

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von Stefan Ruzowitzky

Note: 7

Tempo – der Debütfilm des Oscar-Preisträgers Stefan Ruzowitzky – ist ein einzigartiger Coming-of-Age-Film, der ein besonderes Augenmerk auf das legt, was zeitgleich im Rest der Welt gemacht wird. Ein Film mit internationalem Charakter, der sehr an die Mainstream-Filme der 1990er Jahre erinnert.

Das geheimnisvolle Mädchen

Der Oscar-Preisträger Stefan Ruzowitzky war schon immer neugierig auf Neues und hat es immer geschafft, Spielfilme mit starker Persönlichkeit zu machen. Schon als er noch ein Anfänger war. Und so ist Tempo (1996), sein erster Kinospielfilm (nach einem Fernsehdebüt mit Montevideo 1994), ein origineller Coming-of-Age-Film, der besonders aufmerksam auf das achtet, was zur gleichen Zeit im Rest der Welt gemacht wurde. Ein Film mit internationalem Charakter, der an die Mainstream-Filme der 90er Jahre erinnert und auch eine wichtige Überlegung zur politischen Situation in Österreich enthält.

Jojo (Xaver Hutter) ist ein minderjähriger Junge, der von zu Hause wegläuft, um sich zu emanzipieren und in Wien als Fahrradkurier zu arbeiten beginnt, nachdem er bei seinem Freund und Kollegen Bastian (Simon Schwarz) untergekommen ist. Eines Tages nimmt sein Leben eine unerwartete Wendung, als er von dem mysteriösen Bernd (Dani Levy) gebeten wird, eine Lieferung zu machen. Er kommt ins Haus von Clarissa (Nicolette Krebitz), ein etwa achtzehnjähriges Mädchen, in das er sich sofort verliebt. Doch was bindet Bernd an Clarissa? Vielleicht erleben die beiden eine Liebesaffäre? Die zahlreichen Briefe, die der Mann ans Mädchen schickt, legen genau das nahe. Und doch sind die Dinge viel komplexer, als sie zunächst erscheinen mögen, und Jojo wird lernen, auch mit äußerst komplizierten Situationen umzugehen.

Was in Tempo sofort auffällt, sind die frenetischen Rhythmen, die durch einen gekonnten Schnitt und die Musik noch unterstrichen werden, während die Kamera Jojo bei seinen Fahrradtouren durch die Straßen Wiens folgt. Diese Rhythmen durchziehen fast den gesamten Film, zusammen mit viel ruhigeren Momenten (wie die Szenen, in denen der Protagonist mit seinem Mitbewohner plaudert oder als er die schöne Clarissa trifft). Besonders interessant sind die Einblendungen, die in ihrer Ästhetik an Super8-Filme erinnern und vor allem die Gedanken des Protagonisten betreffen, der sich häufig vorstellt, bei einer Art Talkshow über sein Leben zu sprechen.

Zeit zum Durchatmen bleibt in diesem Spielfilm von Ruzowitzky (fast) nie. Und sein unverkennbarer Stil hat wiederum viele spätere Filme beeinflusst (man denke nur an den bekannten Lola rennt, bei dem der Deutsche Tom Tykwer nur zwei Jahre später Regie führte).

Besondere Aufmerksamkeit verdient der Fokus auf die Stadt Wien, auf das Leben der Jugendlichen in den Neunzigern (von denen viele, wie wir im Film sehen, an Raves im Gasometer teilnahmen) und auf die politische Situation, da Jörg Haiders FPÖ-Partei anfing, mehr und mehr Unterstützung zu gewinnen (die Charaktere der Neonazis, die eines Abends den armen Jojo angreifen, sind besonders bezeichnend).

Die Welt der Jugendlichen, ihre Probleme und ersten Annäherungen an Liebe und Sex sind hier die Protagonisten. Und doch ist Tempo viel komplexer, als es auf den ersten Blick scheint (und Ruzowitzky, der in seiner langen Karriere mit verschiedenen Filmgenres zu tun gehabt hat, hat immer Filme mit tiefer Bedeutung gemacht). Rhythmisch, farbenfroh, ironisch und tragikomisch ist der Spielfilm ein perfektes Manifest eines goldenen Zeitalters für den Jugendfilm, wie es die neunziger Jahre waren – wobei die Einflüsse der achtziger Jahre noch stark waren – und zugleich schafft er etwas Neues und stilistisch Mutiges. Schade, dass nach dem Kinostart nicht viel darüber gesprochen wurde. Trotzdem schaffte es Stefan Ruzowitzky, sowohl im In- als auch im Ausland geschätzt zu werden. Den Mutigen gehört die Welt.

Titel: Tempo
Regie: Stefan Ruzowitzky
Land/Jahr: Österreich / 1996
Laufzeit: 88’
Genre: Coming-of-age, Thriller, Liebesfilm
Cast: Xaver Hutter, Anne Mertin, Simon Schwarz, Michou Friesz, Doris Schretzmayer, Dani Levy, Michaela Blauensteiner, Nicolette Krebitz, Evelyn Thonet, Klaus Ofczarek, Hjalmar Este, Mitzi Bodendorfer, Leopold Altenburg, Herbert Knötzl, Gerald Votava, Clemens Haipl, Hermann Schmid, Krista Stadler, Vicki Berlin
Buch: Stefan Ruzowitzky
Kamera: Andreas Berger
Produktion: Dor Film

Info: Die Seite von Tempo auf iMDb; Die Seite von Tempo auf der Webseite der Austrian Film Commission