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BEAUTIFUL GIRL

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von Dominik Hartl

Note: 6.5

Die Beziehung zur Liebe – und vor allem das Verstehen der wahren Bedeutung von Liebe – ist für Charlie und seine Freunde gar nicht so einfach. Das Gleiche gilt für die Erotik, die sie fast als Gegenmittel zur Langeweile betrachten, die aber in Wirklichkeit das ganze Beautiful Girl mit einer pulsierenden, impliziten Spannung durchzieht.

Neues Leben, neue Freunde

Zwei Jungen und ein Mädchen laufen sorglos durch die Straßen der Stadt und treiben gelegentlich ein wenig Unfug. Woran erinnert uns diese Szene? Es ist unmöglich, nicht an Jules und Jim zu denken, François Truffauts Meisterwerk von 1963, das auf dem gleichnamigen Roman von Henri-Pierre Roché basiert. Dass dieser Kultfilm zahlreiche Filmemacher auf der ganzen Welt beeinflusst hat, kann man sich leicht vorstellen. Und so ist es auch dem jungen österreichischen Regisseur Dominik Hartl ergangen, der mit seinem 2015 entstandenen Debütfilm Beautiful Girl (nach dem gleichnamigen Roman von Gabi Kreselehner) eine zarte Dreiecksbeziehung und Teenager-Geschichte geschaffen hat, die die kosmopolite Stadt Wien als idealen Ort betrachtet.

Dies ist die Geschichte von Charlotte, alias Charlie (gespielt von Jana McKinnon), ein sechzehnjähriges Mädchen, das gerade die Trennung ihrer Eltern erlebt hat und vor kurzem mit ihrer Mutter und ihrem kleinen Bruder ins Haus ihrer Großmutter in der Stadt gezogen ist.

Das Mädchen muss sich in einer neuen Schule akklimatisieren, wo sie den charmanten Sulzer (Marlon Boess) – mit dem sich nach anfänglichem, unbeholfenem Geschlechtsverkehr eine schöne Freundschaft entwickelt – und den eher introvertierten und nachdenklichen Carlo (Giacomo Pilotti), ein Junge italienischer Herkunft, der ihr Nachbar und Sulzers bester Freund ist, kennenlernt. Die drei werden bald unzertrennlich. Aber wie lange wird das Gleichgewicht, das sie hergestellt haben, anhalten?

Beautiful Girl bestätigt eine gewisse Vorliebe des zeitgenössischen österreichischen Films für Coming-of-Age. Und Dominik Hart hat sich als ebenbürtig mit denen erwiesen, die sich vor ihm an der Inszenierung eines der schwierigsten Zeitalter versucht haben. Interessant ist, wie die innere Unruhe der jungen Protagonisten – hier durch frenetische Kamerabewegungen, Kamerafahrten, die ihnen beim Laufen durch die Stadt folgen, und agile, dynamische Montage dargestellt – mit ihrer ständigen Suche nach einer gewissen inneren Ruhe kontrastiert, die sie schließlich bei Plaudereien am Donauufer – vielleicht beim Betrachten kleiner Fotokompositionen des schüchternen Carlo – oder in der Intimität ihrer Zimmer durch Großaufnahmen, Details von Gegenständen und alten Kassetten mit Liebesliedern zu erreichen scheinen.

Die Beziehung zur Liebe und vor allem das Verstehen der wahren Bedeutung der Liebe ist für Charlie und seine Freunde gar nicht so einfach. Das Gleiche gilt für die Erotik, die sie als Gegenmittel zur Langeweile betrachten, die aber mit einer pulsierenden, impliziten Spannung das gesamte Beautiful Girl durchdringt. Und all das ist Teil einer Realität, die den drei Jugendlichen, genau wie die Welt der Erwachsenen (die vielleicht selbst Kinder geblieben sind, bis hin zu dem Punkt, dass sie vergessen haben, ihre Kinder zu schützen, indem sie sie aus ihren eigenen Problemen heraushalten), noch völlig unverständlich erscheint.

Und dann ist da noch Italien. Italien wird fast wie ein magischer Ort betrachtet, fast wie eine Art Paradies, das geografisch nah, aber sehr schwer zu erreichen ist. Carlo kommt aus Italien (was ihm an sich schon eine Aura der Faszination und des Geheimnisvollen verleiht), und dort wird er den Sommer bei einigen Verwandten verbringen müssen, anstatt in Wien zu bleiben, um die Ferien mit seinen Freunden zu genießen.

Es ist nicht leicht für Charlie, ein neues Leben zu akzeptieren, Liebe zu entdecken oder einfach erwachsen zu werden. Und im Allgemeinen ist es sehr schwierig, solche heiklen Situationen zu inszenieren. Und auch wenn Beautiful Girl in Bezug auf das Drehbuch einige Probleme hat (vor allem im Hinblick auf das Ende passieren die Ereignisse zu schnell, obwohl es einer tieferen psychologischen Untersuchung bedurft hätte), macht der Film insgesamt seine kleinen Unzulänglichkeiten mit stark poetischen und bewegenden Szenen wett (besonders in Bezug auf die Dialoge zwischen der jungen Protagonistin und ihrer Großmutter). Wertvolle Momente, die auch Teil der schrecklichen und wunderbaren Adoleszenz sind.

Titel: Beautiful Girl
Regie: Dominik Hartl
Land/Jahr: Österreich / 2015
Laufzeit: 92’
Genre: Drama,Coming-of-age
Cast: Jana McKinnon, Marlon Boess, Giacomo Pilotti, Christian Dungl, Johanna Egger, Marie Friesz, Bernhard Grimm, Pamina Grünsteidl, Maddalena Hirschal, Lilian Klebow, Nathalie Ann Köbli, Hary Prinz, Dany Sigel, Susi Stach, Fanny Stavjanik, Christian Tramitz, Moritz Uhl, Dominik Warta, Thomas Wolkerstorfer
Buch: Dominik Hartl, Claudia Kolland, Agnes Pluch
Kamera: Xiaosu Han, Andreas Thalhammer
Produktion: Allegro Film

Info: Die Seite von Beautiful Girl auf iMDb; Die Seite von Beautiful Girl auf der Webseite der Austrian Film Commission