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WIENER AKTIONISMUS – KÜNSTLER REBELLIEREN

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Das Leben, der Alltag und der menschliche Körper nehmen in den Werken des Wiener Aktionismus völlig neue und unerwartete Formen an. Neue Formen, neue Farben, verstörende Bilder, Tierinnereien und Blut drücken eine neue Art der Rebellion und des Kunstverständnisses aus. Auf diese Weise verspottet man die konservative Konsumgesellschaft und den gefährlichen latenten Faschismus, der trotz des Kriegsendes immer noch lebendig und pulsierend zu sein scheint.

Eindrücke und Suggestionen aus der zweiten Nachkriegszeit

Bereits am Ende des Zweiten Weltkriegs begann sich in Österreich das Avantgarde-Kino zu entwickeln. Dieses besondere Filmgenre symbolisiert vor allem eine tiefe Sehnsucht nach Erneuerung und eine einzigartige Art der Rebellion gegen eine noch zu konservative Gesellschaft und erinnert in mancher Hinsicht sehr an die umstrittene Kunstbewegung des Wiener Aktionismus.

Der Wiener Aktionismus entwickelte sich ab den späten 1950er Jahren und war zwischen 1962 und 1970 besonders produktiv. Diese künstlerische Bewegung zielte darauf ab, gegen die staatliche Autorität und die Kirche zu rebellieren und schockierte den Zuschauer zunächst durch Gemälde, Fotografien, Texte und Live-Performances. Eng verbunden mit der Wiener Gruppe (einer 1954 gegründeten und bis Ende der 1950er Jahre aktiven freien Vereinigung österreichischer Schriftsteller) zählten zu den Hauptvertretern dieser künstlerischen Bewegung die Künstler Günter Brus, Otto Muehl, Hermann Nitsch und Rudolf Schwarzkogler.

Was aber ist mit Wiener Aktionismus gemeint? Der Wiener Aktionismus – so genannt von dem Künstler und Wissenschaftler Peter Weibel – wurde direkt vom deutschen Expressionismus, dem mitteleuropäischen Dekadentismus und den Theorien der Psychoanalyse von Sigmund Freud und Carl Gustav Jung inspiriert. Zu dieser Kunstbewegung gehören besonders schockierende Kunstwerke – Zeichnungen, Theaterstücke oder Installationen -, in denen psychologische, sadomasochistische und selbstzerstörerische Themen verarbeitet wurden. Oft wurden daher bei Theaterstücken oder Installationen Formen von Gewalt an Tieren oder Gesten praktiziert, die die Verwendung von menschlichem Blut oder Fäkalien (manchmal auch bei der Realisierung einiger Gemälde) beinhalteten. Die Absicht, den Zuschauer zu schockieren, gelang dem Wiener Aktionismus perfekt, doch aufgrund der Art der Kunstwerke hatten viele Künstler persönliche und rechtliche Probleme: Hermann Nitsch wurde dreimal inhaftiert und Rudolf Schwarzkogler beging 1969 Selbstmord. Günther Brus hingegen schreibt weiterhin Gedichte und illustriert Erzählungen.

Profan, extrem, schockierend. Obwohl der Wiener Aktionismus nur wenige Jahre währte (1970 löste sich die Künstlergruppe offiziell auf), beeinflusst er noch immer Künstler im In- und Ausland. Man denke an die zeitgenössische Künstlerin Marina Abramovich oder die Experimentalfilmerin VALIE EXPORT (Menschenfrauen, Unsichtbare Gegner), die mit ihren Filmen und Videoinstallationen die Prinzipien des Wiener Aktionismus in ein wirkungsvolles feministisches Manifest verwandelt hat.

Und so wurde auch die Filmwelt von einer solch unkonventionellen und ausdrucksstarken Kunstbewegung beeinflusst. Und es sind einige ihrer Gründer gewesen, die die ersten Experimentalfilme gedreht haben. Echte Symbole des Wiener Aktionismus sind die Filme Satisfaction (1968), Stille Nacht (1969), Sodom (1969) und Psychotic Party (1970) von Otto Muehl, Maria – Konzeption – Aktion – Hermann Nitsch (Hermann Nitsch, 1969) und alle Filme des Regisseurs Kurt Kren (1929 – 1998), der die Quintessenz dieser innovativen Kunstströmung perfekt dargestellt hat.

Das Leben, der Alltag und der menschliche Körper nehmen in den Werken des Wiener Aktionismus völlig neue und unerwartete Formen an. Neue Formen, neue Farben, verstörende Bilder, Tierinnereien und Blut drückten eine neue Art der Rebellion und des Kunstverständnisses aus. Auf diese Weise verspottet man die Konsumgesellschaft und einen gefährlichen latenten Faschismus, der trotz des Kriegsendes immer noch lebendig und pulsierend zu sein scheint. Der Zuschauer weiß nicht mehr, was er zu erwarten hat, und ist, nun verwirrt, nun angewidert, nun einfach versunken vor den Kunstwerken, durchaus in der Lage, die Botschaft, die die Künstler vermitteln wollten, zu verstehen. Könnte man sagen, dass der Wiener Aktionismus völlig vorbei ist? Wenn man sich in der Stadt umsieht, wird man wahrscheinlich auf einige Ausstellungen und Installationen stoßen, die davon inspiriert sind, und wenn man sich einige experimentelle Filme ansieht, wird man durch schockierende Bilder an jene kontroversen und reaktionären Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg in Österreich erinnert.

Info: Die Seite vom Wiener Aktionismus auf Artribune; Die Webseite von Kurt Kren; Interview mit Hermann Nitsch auf Artribune; Die Webseite von Otto Muehl