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DAS BEDROHTE PARADIES

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von Markus Heltschl

Note: 8

Das bedrohte Paradies erweist sich sofort als ein ganz besonderer Dokumentarfilm, fast wie ein virtueller Besuch in einem Museum mit den wertvollen Werken des Fotografen Heinrich Kühn, einer der wichtigsten Vorläufer der Moderne.

Bilder aus einer fernen Welt

Familienszenen und Porträts von Kindern, die auf den Feldern spielen. Schöne Frauen – oft von hinten gezeigt – und stimmungsvolle Landschaften, die an ein Gemälde von Pierre-Auguste Renoir erinnern. Stillleben, verführerische Frauen und altes Spielzeug. Dies sind einige der Bilder, die von Heinrich Kühn (1866 – 1944) fotografiert wurden, der als einer der ersten großen Fotografen der Geschichte gilt, als die Fotografie noch nicht als echte Kunst anerkannt war. Doch die Welt erkannte bald den großen Wert seiner Werke, die dazu beitrugen, ihn unsterblich zu machen. Und in Das bedrohte Paradies (2015) hat sich der Regisseur Markus Heltschl genau auf Kühn konzentriert und eine echte Reise durch das Leben und Werk des Dresdner Künstlers inszeniert. Der Dokumentarfilm wurde nach der Absage der Diagonale 2020 ins Programm Diagonale 2020 – Die Unvollendete aufgenommen.

Das bedrohte Paradies erweist sich sofort als ein ganz besonderer Dokumentarfilm, fast wie ein virtueller Besuch in einem Museum mit Kühns wertvollen Werken. Zahlreiche Wissenschaftler, Fotografen und Kuratoren berichten über das Leben und den Ansatz des Meisters zur neugeborenen Fotografie. Neben spannenden Momenten, die uns zeigen, wie damals Fotos durch geduldiges Belichten der Negative entwickelt wurden, gibt es auch amüsante Anekdoten über Kühns anstrengende Vorbereitungsarbeit vor dem Fotografieren, wenn er lange auf die richtige Belichtung warten musste oder wenn seine Kinder regungslos warten mussten, bis die Fotos endlich gemacht wurden.

Sehr gewissenhaft in der Entwicklung seiner Werke, gewitzter Erfinder, pflegte er vor einer Fotografie echte Vorbereitungsskizzen anzufertigen. Heinrich Kühn war einer der ersten, der – zusammen mit seinen Freunden und Kollegen Alfred Stieglitz und Edward Steichen – mit dem Einsatz neuer Mittel experimentierte, um eine bessere Bildqualität zu erzielen. Vor allem dank der von den Gebrüdern Lumière erfundenen autochromatischen Platten war es möglich, die ersten Farbfotografien anzufertigen, und ab dem frühen 20. Jahrhundert erinnern Kühns Werke noch mehr an die impressionistischen und postimpressionistischen Gemälde von Renoir, Georges Seurat oder auch Caspar David Friedrich. Fotografien mit leicht verschwommenen Farben und kontemplativen Bildern eines ruhigen, bürgerlichen Lebens. Bilder einer idealen Welt, die nur zu Beginn des 20. Jahrhunderts existierte, die aber mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs leider für immer zerstört wurde.

Markus Heltschl hat bei Das bedrohte Paradies versucht, die von Heinrich Kühn fotografierte Welt nachzubilden und sich dabei für eine minimalistische und kontemplative Inszenierung entschieden. Interviews wechseln sich ab mit langen Momenten, in denen uns nacheinander Kühns Fotografien gezeigt werden: Eine Serie von magnetischen Bildern, deren Kraft durch zarte Klaviermusik noch bereichert wird. So haben wir am Ende des Anschauens den Eindruck, fast aus einem Traum erwacht zu sein oder gerade aus einem Museum zu kommen. Und wir fühlen uns bereichert durch das Wissen um eine neue Welt, die von einem der wichtigsten Vorläufer der Moderne in der Fotografie geschaffen wurde.

Titel: Das bedrohte Paradies
Regie: Markus Heltschl
Land/Jahr: Österreich / 2015
Laufzeit: 90’
Genre: Dokumentarfilm
Buch: Markus Heltschl
Kamera: Jan Betke, Bernd Neuburger
Produktion: Markus Heltschl

Info: Die Seite von Das bedrohte Paradies auf der Webseite der Austrian Film Commission
https://www.youtube.com/watch?v=42f_8bmIfy4