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ORDINARY CREATURES

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von Thomas Marschall

Note: 7

Durch eine extrem minimalistische Inszenierung, fast ausdruckslose Charaktere und eine starke Traumkomponente hat Thomas Marschall dem Film Ordinary Creatures einen surrealen und grotesken Charakter gegeben.

Eine ziellose Reise

Ein Mann. Eine Frau. Ein alter roter Volvo und eine scheinbar ziellose Reise. Eher ungewöhnliche Ereignisse finden in Ordinary Creatures statt, ein singulärer Spielfilm von Thomas Marschall, der eigentlich Teil der Diagonale 2020 sein sollte, aber nach der Absage des Festivals ins Programm Diagonale 2020 – Die Unvollendete aufgenommen wurde.

Martha (gespielt von Anna Mendelssohn, die mit Thomas Marschall das Drehbuch geschrieben hat) und Alex (Joep van der Geest) sind ein Ehepaar. Und wie alle Paare haben sie ihre Probleme. Eines Tages streiten sie sich während einer Autofahrt über ihre Beziehung und überfahren zufällig einen Hund. Am nächsten Tag begeben sie sich auf eine Reise, deren Ziel wir nicht kennen, mit der Marke des Hundes, die am Rückspiegel des Autos hängt. Unbemerkt von ihnen folgt ihnen der Besitzer des Hundes mit seinem Auto. Wohin wird diese bizarre Reise sie alle führen?

Ordinary Creatures erweist sich dank zahlreicher komischer und gleichzeitig grotesker Situationen sofort als ein ganz besonderer Spielfilm. Martha und Alex stellen das Konzept des Lebens eines Paares dar, in dem sich Momente der Zärtlichkeit und Streitigkeiten abwechseln und in dem alles auf die Spitze getrieben wird. Sogar urkomische Momente, in denen Alex beim Telefonieren mit seiner Mutter seltsame Geräusche macht, vor dem Spiegel seine Pickel ausdrückt oder sich die Finger in die Nase steckt.

Wohin sind Martha und Alex unterwegs? Wir werden es nie erfahren. Und ihr ständiges, scheinbar zielloses Umherwandern nimmt die Bedeutung einer inneren Reise und vor allem einer Reise an, deren Ziel die Erkenntnis ihrer selbst ist. Ebenso repräsentiert das Auto, in dem die Protagonisten unterwegs sind, ihr Zuhause, ihre Welt, in die die Außenwelt nur selten hineinschaut.

Bei dieser Inszenierung eines universellen Konzepts bekommen selbst die Orte eine präzise Bedeutung. Wo sind die beiden Protagonisten? Vielleicht in Österreich? Das können wir nicht genau sagen. Die beiden Charaktere befinden sich fast in einer Art Nicht-Ort mit großen, menschenleeren Straßen, in denen sie immer wieder auf vereinzelte Fast-Food-Restaurants und auch große Grünflächen stoßen, auf denen sie eine Pause einlegen können.

Durch eine extrem minimalistische Inszenierung hat Thomas Marschall Ordinary Creatures einen surrealen und grotesken Charakter verliehen. Möglich wurde dies durch Charaktere, die so ausdruckslos sind, dass sie fast feindselig wirken (u.a. der Mechaniker, der Alex nach dem Unfall mit dem Hund hilft oder die Kellnerin in einem Restaurant) und durch traumhafte Szenen, in denen eine Frau Martha und Alex in einer unverständlichen Sprache anschreit, nachdem sie unabsichtlich die Karosserie ihres Autos zerkratzt haben.

Doch obwohl Martha und Alex die Protagonisten sind, wirkt der Mensch im Vergleich zur Größe der Natur fast unbedeutend. Das zeigen die großen Grünflächen, aber auch die Großaufnahmen von Insekten und Tieren, die sich von dem ernähren, was die Erde ihnen bietet.

Ordinary Creatures ist zweifelsohne ein bis ins kleinste Detail durchdachter Film. Doch dieses seltsame Werk von Thomas Marschall scheint sich manchmal scheinbar ziellos zu entwickeln, so wie es auch den beiden Protagonisten ergeht. Ein gewollter Effekt? Sicher. Und tatsächlich ist die Hauptabsicht des Spielfilms, den Zuschauer zu schockieren und ihn dazu zu bringen, sich zahlreiche Fragen zu stellen. Eine herausfordernde Aufgabe, die durch paradoxe und manchmal urkomische Situationen noch angenehmer gemacht wird.

Titel: Ordinary Creatures
Regie: Thomas Marschall
Land/Jahr: Österreich / 2020
Laufzeit: 75’
Genre: Filmkomödie, Groteskfilm, Surrealistischer Film
Cast: Anna Mendelssohn, Joep van der Geest, Lynne Rey, Anat Stainberg, Alois Frank, Robert Slivovsky, Angela Christlieb
Buch: Thomas Marschall, Anna Mendelssohn
Kamera: Martin Putz
Produktion: Daniela Praher Filmproduktion

Info: Die Seite von Ordinary Creatures auf der Webseite der Diagonale; Die Seite von Ordinary Creatures auf der Webseite der Austrian Film Commission; Die Seite von Ordinary Creatures auf iMDb