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DIE REVOLUTION FRISST IHRE KINDER

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von Jan-Christoph Gockel

Note: 8

Die originelle Mockumentary Die Revolution frisst ihre Kinder erzählt ein wichtiges Kapitel der Geschichte Burkina Fasos. Es ist ein sehr komplexer und vielschichtiger Film, in dem Kunst und Politik unweigerlich ineinander übergehen, ohne dem Zuschauer Zeit zu geben, zu erkennen, wo die Inszenierung endet und die Realität beginnt.

Fiktion oder Realität?

Der Film- und Theaterregisseur Jan-Christoph Gockel erlebte 2014 den Volksaufstand in Burkina Faso, bei dem der 1987 an die Macht gekommene Diktator Blaise Compaoré, der hinter der Ermordung des ehemaligen Präsidenten Thomas Sankara stand, gestürzt wurde. Aus dieser Erfahrung heraus entstand zunächst das Theaterstück Die Revolution frisst ihre Kinder und 2019 der gleichnamige Spielfilm, der eigentlich Teil der Diagonale 2020 sein sollte, aber nach der Absage des Festivals ins Programm Diagonale 2020 – Die Unvollendete aufgenommen wurde.

In den Wochen vor der Revolution spielend, erweist sich Die Revolution frisst ihre Kinder sofort als ein ganz origineller Film. Die junge Theaterregisseurin Julia Gräfner fliegt mit ihrem Ensemble vom Schauspielhaus Graz nach Burkina Faso – nach Ouagadougou -, um mit ihren Schauspielern und bunten Puppen Georg Büchners Dantons Tod aufzuführen. Die Regisseurin möchte der Bevölkerung das Theater als ein neues Instrument der Teilhabe, aber auch als ein kraftvolles Mittel der politischen Erneuerung vorstellen. Doch bald nehmen die Dinge eine andere Wendung: Einer der Puppenspieler beschließt, Thomas Sankaras Puppe von einigen Handwerkern bauen zu lassen, und indem er sie durch die Straßen der Stadt führt, weckt er in der Bevölkerung alte Gefühle und einen starken Wunsch nach Veränderung.

Und so erzählt die originelle Mockumentary Die Revolution frisst ihre Kinder ein wichtiges Kapitel der Geschichte Burkina Fasos und entpuppt sich als ein sehr komplexer und vielschichtiger Film, in dem Kunst und Politik unweigerlich ineinander übergehen, ohne dem Zuschauer Zeit zu lassen, zu erkennen, wo die Inszenierung endet und die Realität beginnt. Regisseurin Julia Gräfner ist überzeugt, dass sie selbst mit ihren Puppen und revolutionären Ideen zum Ausbruch der Revolution beigetragen hat. Und als sie immer größenwahnsinniger wird, will ihr Ensemble nicht mehr mit ihr zusammenarbeiten, um ihr eigenes Leben nicht zu gefährden.

Realität und Fiktion, Satire und Dokumentarfilm. Theater und Film. Die Revolution frisst ihre Kinder ist ein völlig neuartiger Film innerhalb der österreichischen Filmproduktion. Die Liebe zu einem Volk, das in den letzten Jahrzehnten zu sehr gelitten hat, und eine echte Abneigung gegenüber dem Theater und der Kunst, echte „revolutionäre“ Instrumente und oft die einzigen Mittel, mit denen man sich Gehör verschaffen kann, fallen sofort auf.

Und so entpuppt sich Gockels Film als viel komplexer und vielschichtiger, als er zunächst schien. Die Geschichte entwickelt sich auf zwei (nicht zu) unterschiedlichen Ebenen: Da ist zunächst ein Volk, das es nicht abwarten kann, zu reagieren, dann sind da Julia und ihre Gruppe, auch sie Revolutionäre, auch sie Bewahrer einer wichtigen historischen Erinnerung. Besonders interessant ist die Figur der Julia (gespielt von der außergewöhnlichen Julia Gräfner), die sich mal als weitsichtige Reformerin, mal als echte Diktatorin entpuppt, die so narzisstisch ist, dass sie nicht versteht, wie die Situation wirklich ist.

Und diese Doppeldeutigkeit zieht sich durch den gesamten Die Revolution frisst ihre Kinder, wobei es einem guten Drehbuch perfekt gelingt, all die zahlreichen Elemente zu verwalten, den Zuschauer zu verwirren und eine richtige Mischung zwischen Fiktion und Inszenierung, zwischen Vergangenheit und Gegenwart zu schaffen. Die Geschichte eines Volkes, das nie wirklich aufgegeben hat und das vielleicht die Kunst mit ihrer rettenden Kraft beflügeln konnte.

Titel: Die Revolution frisst ihre Kinder
Regie: Jan-Christoph Gockel
Land/Jahr: Österreich, Burkina Faso / 2019
Laufzeit: 75’
Genre: Mockumentary
Buch: Jan-Christoph Gockel
Kamera: Eike Zuleeg
Produktion: Schauspielhaus Graz

Info: Die Seite von Die Revolution frisst ohre Kinder auf der Webseite der Diagonale; Die Seite von Die Revolution frisst ihre Kinder auf iMDb