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ICH ARMER MENSCH

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von Bastian Wilpling

Note: 8

Ich armer Mensch ist ein hochexperimentelles und bedeutungsvolles Werk, das die Qualen des Menschen und seine herzzerreißenden Schuldgefühle schildert. Der Kurzfilm von Bastian Wilpling zeichnet sich vor allem durch seinen feinen Stil aus, der eine gute Mischung aus Film, Musik, Malerei und Theater schafft.

Die Qualen eines Menschen

Shibari-Kinbaku ist Teil der alten japanischen Traditionen und symbolisiert durch die Verwendung von Seilen – die fast an westlichen Bondage erinnern – die Verbindung zwischen Mensch und Göttlichkeit. Und so werden die Hierarchien der Beziehung zwischen Mensch und Göttlichem symbolisch dargestellt. Diese Praxis, die später auch erotische Bedeutungen annahm, wurde in den vergangenen Jahrzehnten auch praktiziert, um Gefangene zu „bestrafen“ und ihnen zu helfen, ihre Seelen zu erheben. Und so wird beim Kurzfilm Ich Armer Mensch, der 2019 unter der Regie von Bastian Wilpling entstand und – nach der Absage der Diagonale 2020 – ins Programm Diagonale 2020 – Die Unvollendete aufgenommen wurde, diese Praxis ganz neu und sinnvoll inszeniert, so dass eine interessante Mischung der Künste entsteht.

Das Schwarz-Weiß-Bild eines isolierten Hauses erinnert sofort an das Meisterwerk Der Untergang des Hauses Usher, bei dem Jean Epstein 1928 Regie führte und das auf der gleichnamigen Kurzgeschichte von Edgar Allan Poe basiert. Doch dies ist eine völlig andere Situation. Und das merken wir, sobald wir das Innere des Hauses sehen: Schwarz-Weiß weicht der Farbe und wir befinden uns sofort in einem Caravaggio-Gemälde. Langsame Kamerafahrten von Früchten, gedeckten Tischen und staubigen Möbeln führen uns den Alltag des Protagonisten vor Augen. Ein Mann wacht auf, singt Johann Sebastian Bachs Kantate Nr. 55, Ich armer Mensch, ich Sündenknecht, und bereitet das Essen vor. Dann beginnt plötzlich eine geheimnisvolle Gestalt, ihn zu fesseln. Der Mann geht seiner Arbeit nach. Die Gefangenschaft des Menschen – der dem Materiellen und nicht den richtigen Werten Bedeutung beimisst – wird hier gerade durch die Praxis des Shibari-Kinbaku dargestellt.

Ich armer Mensch ist ein hochexperimentelles und bedeutungsvolles Werk, das die Qualen des Menschen und seine herzzerreißenden Schuldgefühle schildert. Der Kurzfilm von Bastian Wilpling fällt sofort durch seinen feinen Stil auf, der eine interessante Mischung aus Film, Musik, Malerei und Theater schafft. Und während die Musik von Bach uns während der Vorstellung begleitet, erinnert der Raum, in dem der Protagonist lebt, mal an einige Gemälde von Caravaggio (insbesondere im Hinblick auf die Kamerafahrten auf dem Tisch oder den Moment, in dem der Mann isst), mal an die Gemäldeserie Vincents Schlafzimmer in Arles, die von Vincent Van Gogh 1888 geschaffen wurde. Und es ist kein Zufall, dass Van Gogh erwähnt wurde: Schuld spielt bekanntlich eine zentrale Rolle im Leben des niederländischen Malers und der Protagonist des Films ist ihm sehr ähnlich.

Gibt es eine Chance, dass der Mensch gerettet wird? Bastian Wilpling glaubt, dass dies nur durch eine tiefe innere Veränderung möglich ist. Die letzte Szene von Ich armer Mensch scheint recht bedeutsam zu sein, obwohl nichts explizit gesagt wird und dem Zuschauer auch ein gewisser Interpretationsspielraum eingeräumt wird. Ein wahres mystisches Erlebnis und eine komplexe, vielschichtige Hommage an die Schönheit und Kunst in jeglicher Form.

Titel: Ich Armer Mensch
Regie: Bastian Wilpling
Land/Jahr: Österreich / 2019
Laufzeit: 17’
Genre: Experimentalfilm, Musikfilm
Cast: August Schram, Georg Barkas
Buch: Bastian Wilpling
Kamera: Steven Heyse
Produktion: Bastian Wilpling

Info: Ich armer Mensch auf youtube