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DER TAUCHER

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von Günter Schwaiger

Note: 7.5

Der Taucher ist ein Film aus Schweigen, Vertraulichkeiten, bedeutungsvollen Dialogen. All dies wird bereichert durch eine tiefe Faszination für die Kunstwelt in all ihren Formen, mal durch die Erstellung von kleinen Stop-Motion-Kurzfilmen – mit Händen, die Plastilinfiguren modellieren und neu positionieren – mal durch die Komposition von Jazz-Musikstücken.

Mutter und Tochter. Vater und Sohn.

Österreich ist im Jahr 2018 die Nation mit den meisten Frauenmorden und häuslicher Gewalt. Eine eher beunruhigende Nachricht, die dieses Thema aktueller denn je gemacht hat und die, wie wir uns gut vorstellen können, auch die Aufmerksamkeit der Filmwelt auf sich gezogen hat. Und so inszenierte der 2019 von Günter Schwaiger gedrehte Spielfilm Der Taucher, der eigentlich Teil der Diagonale 2020 sein sollte, aber nach der Absage des Festivals ins Programm Diagonale 2020 – Die Unvollendete aufgenommen wurde, eine Geschichte, die auch die Geschichte von zahlreichen anderen Menschen sein könnte.

Das ist die Geschichte von Irene (gespielt von Franziska Weisz, unvergessliche Protagonistin von Jessica Hausners Hotel), eine Wienerin, die seit Jahren mit ihrer Tochter Lena (Julia Franz Richter), die gerade achtzehn geworden ist und sich der Erstellung von kleinen Stop-Motion-Animationsfilmen widmet, auf Ibiza lebt. Zwischen den beiden besteht ein starkes Band, auch wenn ihre Vergangenheit oft kompliziert war: Am Ende einer langen Beziehung mit Paul (Alex Brendemühl) beschloss Irene, ihn nach einigen Schlägen zu denunzieren. Der Mann ist der Vater des jungen Robert (Dominic Marcus Singer), der aufgrund der Verhaltensweisen seines Vaters eine Persönlichkeitsstörung entwickelt hat, die ihn zu selbstverletzenden Handlungen treibt. Als Paul nach Jahren nach Ibiza zurückkehrt, um das Haus zu verkaufen, das seiner Ex-Frau gehörte, versucht er, den Kontakt zu Irene wieder aufzunehmen.

Die Kamera von Günter Schwaiger konzentriert sich auf die einzelnen Charaktere und ihr tägliches Leben und schafft eine intime und kontemplative Atmosphäre. Der Regisseur hat keine Angst, sich Zeit zu lassen. Ihn interessiert vor allem die Psychologie der Protagonisten, ihre Gefühle, die Art und Weise, wie sie mit ihrer Vergangenheit und mit ihren zwischenmenschlichen Beziehungen umgehen. Auch dank eines Ortes, der – obwohl es sich um das bunte und frenetische Ibiza handelt – fast wie aus einer anderen Welt wirkt, ist Der Taucher ein Film aus Schweigen, Vertraulichkeiten, bedeutungsvollen Dialogen. All dies wird durch eine echte Faszination für die Kunstwelt in all ihren Formen bereichert, mal durch die Erstellung kleiner Stop-Motion-Kurzfilme – mit Händen, die Plastilinfiguren modellieren und neu positionieren – mal durch die Komposition von Jazzmusikstücken (Paul ist nämlich ein renommierter Komponist).

Und doch durchdringt ein gewisses Unbehagen all dies. Und man spürt es jedes Mal, wenn die Kamera auf die Gesichter der Protagonisten und die Spannung, die durch sie hindurchschimmert, fokussiert. Und man weiß nie, welche Wendungen die Situation nehmen könnte.

Fotografien und alte Kameras, die heimlich elegante Körper hinter den Vorhängen eines Fensters filmen, schicke und breite Räume – die allerdings manchmal übermäßig klaustrophobisch wirken – sind einige der Besonderheiten von Der Taucher. Doch es gibt einen weiteren Protagonisten: Wasser. Wasser, das zum Leben bringen, aber auch symbolisch zum Tod führen kann. Wasser – und in diesem Fall das Meer – ist der einzige Ort, an dem man wirklich atmen kann, an dem man sich endlich frei fühlt. Genau wie das, was Robert während seiner Tauchgänge passiert. All dies vervollständigt eine geschickte und durchdachte Mise-en-scène, die fast an das Kino von Paolo Franchi erinnert, wobei jeder einzelne Charakter dank einer guten Vertiefung der Psychologie und der Gefühle im Gedächtnis haften bleibt.

Günter Schwaiger weiß ganz genau, was er uns vermitteln will. Und besonders bedeutsam ist das symbolische Bild, in dem Robert mit seinem Vater Paul ins Meer geht. Schade, dass vor dem Abspann eine Bildunterschrift, die über häusliche Gewalt in Österreich informiert, dem ganzen Film einen fast fernsehartigen Charakter verleiht. Bilder sprechen für sich selbst. Und oft bedürfen sie keiner weiteren Erklärung.

Titel: Der Taucher
Regie: Günter Schwaiger
Land/Jahr: Österreich / 2019
Laufzeit: 94’
Genre: Drama
Cast: Franziska Weisz, Julia Franz Richter, Alex Brendemühl, Dominic Marcus Singer
Buch: Günter Schwaiger
Kamera: David Azcano
Produktion: Günter Schwaiger Filmproduktion, Extrafilm

Info: Die Seite von Der Taucher auf der Webseite der Diagonale; Die Seite von Der Taucher auf iMDb