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ENDSTATION SEESTADT

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von Sophia Hörmann

Note: 7

Bei Endstation Seestadt setzt die Kamera von Sophia Hörmann die Körper der Schauspieler besonders gekonnt in Szene. Und so bekommen kontinuierliche Tänze, ein ständiges Ineinandergreifen von Körpern, Armen und Beinen, bei denen die Figuren kaum zu unterscheiden sind, sofort eine symbolische und spirituelle Bedeutung.

Endlich Freiheit

In der Seestadt, am Stadtrand von Wien, scheint die Zeit still zu stehen, man hat nicht mehr das Gefühl, in einer Großstadt zu sein, sondern in einer Art Nicht-Ort. Die Seestadt liegt an der Endstation der U-Bahn-Linie U2 und gehört zum 22. Bezirk. Diesen singulären und verfremdenden Ort wählte die Regisseurin und Videokünstlerin Sophia Hörmann für ihren experimentellen Kurzfilm Endstation Seestadt, der nach der Absage der Diagonale 2020 ins Programm Diagonale 2020 – Die Unvollendete aufgenommen wurde.

Die Seestadt ist ein Ort, an dem die Anwesenheit des Menschen nur noch eine vage Erinnerung zu sein scheint. Ein Zufluchtsort, wenn man dem Chaos des Stadtlebens entfliehen möchte. Und vor allem ein Ort, an dem es endlich möglich ist, man selbst zu sein.

Tanz und Musik haben in den Filmen von Sophia Hörmann schon immer eine zentrale Rolle gespielt. Gleiches gilt für Endstation Seestadt, ein Experimental- und Musikfilm, in dem sich tanzende Körper und wendige, schließlich freie Figuren durch die hier dargestellten weiten Räume bewegen.

Die Kamera von Sophia Hörmann setzt die Körper der Schauspieler besonders gekonnt in Szene. Kontinuierliche Tänze, ein ständiges Ineinandergreifen von Körpern, Armen und Beinen, bei denen die Figuren kaum zu unterscheiden sind, bekommen sofort eine symbolische und spirituelle Bedeutung. Den Rest erledigt der Bezirk Seestadt. Dies ist der Ort, an dem man sich endlich frei fühlen kann, an dem niemand über seine Mitmenschen urteilt und an dem man sogar daran denken kann, wieder ein Kind zu sein, dank der Anwesenheit von alten Schaukelpferden, deren Farbe jetzt abblättert, die aber ihren Charme von Gegenständen, die zu vergangenen Jahrzehnten gehören, nicht verloren haben.

Endstation Seestadt ist eine Reise in eine ungewöhnliche Dimension. Eine Gelegenheit, die eine Art Rückkehr zur Natur symbolisiert, wo alles, was wir sehen, reine Wahrheit ist. Und nicht einmal in der Postproduktionsphase war es notwendig, spezielle Filter oder visuelle Effekte hinzuzufügen, um den tanzenden Körpern weitere Bedeutung zu verleihen. Und so denken wir sofort an den Kurzfilm Baroque Statues, den die berühmte Malerin Maria Lassnig 1970 drehte.

Auch bei Endstation Seestadt ist das Thema der Befreiung der Körper besonders zentral. Körper in ständiger Bewegung, in ständiger Verschmelzung und Veränderung. Beim Lassnigs Film spielen jedoch Farben und Licht sowie die Figur der Frau eine ebenso zentrale Rolle, anders als in Sophia Hörmanns Film, der universellere Konnotationen annimmt. Aber Sophia Hörmann weiß genau, was sie will und hat es geschafft, einen kathartischen und magnetischen Kurzfilm zu inszenieren.

Titel: Endstation Seestadt
Regie: Sophia Hörmann
Land/Jahr: Österreich / 2016
Laufzeit: 11’
Genre: Experimentalfilm, Musikfilm
Cast: Bianca Anne Braunesberger, Pawel Dudus, Raffalea Gras, Anna Possarnig
Buch: Sophia Hörmann
Kamera: Sarah Glück
Produktion: Sophia Hörmann

Info: Endstation Seestadt auf Vimeo; Die Webseite von Sophia Hörmann