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LOURDES

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von Jessica Hausner

Note: 8

Desillusioniert, rational, satirisch, ironisch. Jessica Hausners Lourdes zeigt mit dem Finger auf eine heuchlerische Gesellschaft, die von Illusionen lebt, und zeigt uns eine andere Realität, als wir sie uns vorstellen.

Ein Wunder, ein Wunder!

Religion hat in den Filmen von Jessica Hausner schon immer eine wichtige Rolle gespielt. Und so wird bei Lourdes – bereits bei den 66. Filmfestspielen von Venedig im Wettbewerb gezeigt und nach der Absage der Diagonale 2020, bei der das Festival Hausner die Reihe Zur Person widmen sollte, ins Programm Diagonale 2020 – Die Unvollendete aufgenommen – die Religion und die Art und Weise, wie sie von den Gläubigen erlebt wird, in den Mittelpunkt gerückt. Und all dies wird parallel zu anderen wiederkehrenden Themen in Hausners Kino inszeniert, wie zum Beispiel die Unkommunizierbarkeit und Einsamkeit der Menschen.

Lourdes ist der erste Spielfilm der Wiener Regisseurin, der in französischer Sprache gedreht wurde. Er inszeniert die Geschichte von Christine (gespielt von Sylvie Testud), eine Frau, die an Plaque-Sklerose leidet und aufgrund ihrer Krankheit tetraplegisch geworden ist. Die junge Frau hat sich zusammen mit vielen anderen Pilgern auf den Weg nach Lourdes gemacht. Hier wird sie nach dem Besuch der Grotte auf unerklärliche Weise wieder anfangen, sich zu bewegen und zu laufen. Ist es ein echtes Wunder?

Desillusioniert, rational, satirisch, ironisch. Lourdes zeigt mit dem Finger auf eine heuchlerische Gesellschaft, die von Illusionen lebt, und zeigt uns eine andere Realität als die, die wir uns vorstellen. Besonders hervorzuheben ist die Charakterisierung der Figuren, die dank eines tadellosen Drehbuchs von Hausner zusammen mit Géraldine Bajard, die auch bei Little Joe mit der österreichischen Regisseurin zusammenarbeitett hat, gelungen ist. Nach dem scheinbaren Wunder entstehen auf bizarre Weise Neid und Klatsch seitens einiger Pilger, sowie ein krankhafter Wunsch nach Voyeurismus und Mitleid mit den anderen Kranken. Die Pilger wetteifern fast darum, wer den stärksten Glauben hat (und der Wettbewerb um den Preis des besten Pilgers des Jahres ist besonders bedeutsam). Jeder von ihnen, inklusive der Priester, wirkt menschlicher denn je, aber nie wirklich fromm oder altruistisch. Man denke, dass die Protagonistin selbst ihrer Krankenschwester (gespielt von einer sehr jungen Léa Seydoux) anvertraut, dass sie an zahlreichen religiösen Pilgerfahrten teilnimmt, nur um aus dem Haus zu kommen.

Jessica Hausners minimalistische und tadellose Regie unterstreicht die Mehrdeutigkeit der Atmosphären. Eine Regie, die vor allem mit festen Kameraeinstellungen und klar definierten Farben arbeitet, die sich vor fast monochromen Hintergründen in Ockertönen (deren Verfremdungseffekt auch dank der Leistung des Kameramanns Martin Gschlacht erreicht worden ist) abheben.

Bestimmte Theorien will Jessica Hausner bei Lourdes nicht (explizit) aufstellen. Und ein bewusst (oder besser gesagt: scheinbar) offenes Ende lässt dem Zuschauer einen gewissen Interpretationsspielraum. Doch Hausners Sichtweise ist besonders deutlich und wird mit Albano Carrisis Lied Felicità kontrastiert, das auf der Bühne während einer Abschlussparty kurz vor dem Abspann gesungen wird. Wie werden sich die Gläubigen durch diese Erfahrung verändern?

Titel: Lourdes
Regie: Jessica Hausner
Land/Jahr: Österreich, Frankreich, Deutschland / 2009
Laufzeit: 99’
Genere: Drama, Satire-Film
Cast: Sylvie Testud, Léa Seydoux, Gilette Barbier, Gerhard Liebmann, Bruno Todeschini, Elina Löwensohn, Linde Prelog, Heidi Baratta, Hubert Kramar, Helga Illich, Walter Benn, Petra Morzé, Orsolya Toth, Katharina Flicker, Thomas Uhlir
Buch: Jessica Hausner, Géraldine Bajard
Kamera: Martin Gschlacht
Produktion: Coop99 Filmproduktion, Essential Filmproduktion, Société Parisienne de Production, Thermidor Filmproduktion

Info: Die Seite von Lourdes auf der Webseite der Diagonale; Die Seite von Lourdes auf iMDb