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MACONDO

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von Sudabeh Mortezai

Note: 7

Macondo beschäftigt sich mit zahlreichen Themen. Während wir Zeugen der Schwierigkeiten von Ramasans Familie werden, sich in die österreichische Gesellschaft zu integrieren, konzentriert sich die Regisseurin langsam auf die Geschichte des jungen Protagonisten, auf das Bedürfnis, zu etwas Stabilem und Beruhigendem zu gehören und auf den Wunsch, die Wahrheit über eine Vergangenheit zu erfahren, über die man noch zu wenig weiß.

Die Sichtweise eines Kindes

Macondo ist der Name des Dorfes, in dem Gabriel Garcia Marquez‘ Meisterwerk Hundert Jahre Einsamkeit spielt. Macondo ist aber auch der Name eines kleinen Gebiets am Stadtrand von Wien – im Bezirk Simmering -, wo seit Jahrzehnten viele Flüchtlinge aus Lateinamerika, Tschetschenien, Somalia und Vietnam leben. Genau in diesem Kontext spielt Sudabeh Mortezais Macondo, entstanden 2014 und nach der Absage der Diagonale 2020 ins Programm Diagonale 2020 – Die UnvollendeteFilmmit Onlinefestival aufgenommen. Der Film ist auch Teil der Retrospektive Sehnsucht 2020 – Eine kleine Stadterzählung.

2018 wurde Sudabeh Mortezai durch den Spielfilm Joy, der bei der Verleihung des Österreichischen Filmpreises 2020 mehrfach ausgezeichnet wurde, auch im Ausland bekannt. Doch auch in Macondo erkennen wir ihren Stil und die typischen Themen ihres Kinos. Ein noch „junges“, aber auch extrem reifes und direktes Kino.

Die Geschichte, die in Macondo spielt, wird aus der Perspektive des jungen Ramasan (ein hervorragender Ramasan Minkailov) erzählt. Der Junge kommt ursprünglich aus Tschetschenien, er ist elf Jahre alt und lebt mit seiner Mutter und zwei jüngeren Schwestern zusammen. Sein Vater wurde während des Krieges getötet und Ramasan muss für seine Schwestern fast wie ein Vater sein und dafür sorgen, dass alles im Haus reibungslos abläuft. Doch er selbst braucht einen Vater. Da er seinen echten Vater für einen wahren Helden hält, sieht er in einem Nachbarn, einst ein Freund seines Vaters, eine mögliche Vaterfigur. Und doch wird diese komplizierte und äußerst heikle Beziehung nicht immer idyllisch sein.

Macondo beschäftigt sich mit zahlreichen Themen. Während wir Zeugen der Schwierigkeiten von Ramasans Familie werden, sich in die österreichische Gesellschaft zu integrieren, konzentriert sich die Regisseurin langsam auf die Geschichte des jungen Protagonisten, auf das Bedürfnis, zu etwas Stabilem und Beruhigendem zu gehören und auf den Wunsch, die Wahrheit über eine Vergangenheit zu erfahren, über die man noch zu wenig weiß.

Sudabeh Mortezai zögert nicht, gesellschaftspolitische Themen, inklusive der Situation der Frauen, anzusprechen (besonders interessant ist die Szene, in der Ramasans Mutter ihren Freundinnen erzählt, wie sie zur Heirat gezwungen wurde). Genauso wie sie sich nicht scheut, von einer kleinen, den meisten Menschen unbekannten Realität zu erzählen, die es seit einigen Jahren in Wien gibt. Und so wird Ramasan sofort zum Sprachrohr der Bedingungen, in denen viele andere Kinder seines Alters leben. Seine Geschichte ist auch die Geschichte vieler anderer Kinder, deren Vergangenheit zu Unrecht ausgelöscht wurde und deren Identität darum kämpft, sich in einer Gesellschaft zu behaupten, die noch nicht bereit zu sein scheint, sie zu akzeptieren.

Die Regisseurin hat sich für einen extrem realistischen Ansatz entschieden, ähnlich wie bei Joy: Die Besetzung besteht aus nicht-professionellen Schauspielern, die Regie ist extrem direkt und kommt gleich zur Sache. Und bei dieser Gelegenheit wird die Vergangenheit der Regisseurin als Dokumentarfilmerin besonders deutlich. Die Vergangenheit einer Dokumentarfilmerin, die zu einem Spielfilm geführt hat, der zart und delikat, aber auch desillusioniert und zutiefst schmerzhaft ist. Und Sudabeh Mortezai hat damit einen weiteren Beweis für ihre große Empfindsamkeit und ihr angeborenes Talent geliefert. Ein Talent, das schon bald in der ganzen Welt erkannt werden würde.

Titel: Macondo
Regie: Sudabeh Mortezai
Land/Jahr: Österreich / 2014
Laufzeit: 96’
Genre: Drama
Cast: Ramasan Minkailov, Aslan Elbiev, Kheda Gazieva, Rosa Minkailova, Iman Nasuhanowa, Askhab Umaev, Hamsat Nasuhanow, Champascha Sadulajev
Buch: Sudabeh Mortezai
Kamera: Klemens Hufnagl
Produktion: FreibeuterFilm, ORF

Info: Die Seite von Macondo auf iMDb