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BRUDER JAKOB, SCHLÄFST DU NOCH?

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von Stefan Bohun

Note: 7.5

Bruder Jakob, schläfst du noch? zeichnet sich sofort durch eine reine Bildkomposition aus, in der Farben, mal hell, mal dunkler, fast als absolute Protagonisten agieren.

Gebrüder

Bruder Jakob, Bruder Jakob, schläfst du noch? Schläfst du noch?“ Viele werden wahrscheinlich diese Verse lesen und dabei die richtige Melodie anstimmen. Von diesem Lied hat sich der Regisseur Stefan Bohun für den Titel seines wohl intimsten Films inspirieren lassen. Denn der Dokumentarfilm Bruder Jakob, schläfst du noch? – bei der Diagonale 2018 uraufgeführt und nach der Absage der Diagonale 2020 ins Programm Diagonale 2020 – Die Unvollendete aufgenommen – erzählt von einer der schmerzlichsten Erfahrungen im Leben des Regisseurs: Der Selbstmord seines Bruders Jakob und dem anschließenden Trauerprozess gemeinsam mit seinen anderen drei Brüdern.

2014 schickte Jakob Stefan ein Bild von einem riesigen Tal, das in Tirol liegt. Nach ein paar Tagen nahm er sich das Leben, indem er in einem Hotelzimmer eine große Menge Schlaftabletten einnahm. Zwei Jahre später beschließen der Regisseur und die anderen Brüder, sich auf eine lange Reise von Tirol nach Portugal zu begeben (wo Jakob seit Jahren lebte), um mehr über ihren lieben Verstorbenen zu erfahren und um sich endlich wieder gemeinsam zu finden.

Der Dokumentarfilm Bruder Jakob, schläfst du noch? fällt sofort durch seine reine Bildkomposition auf, in der Farben, mal hell (im Tal, in dem sich die vier Männer aufhalten), mal dunkler (nachts, vor einer Berghütte), fast als absolute Protagonisten auftreten. Und so entwickelt sich Stefan Bohuns Film gleichzeitig auf zwei Ebenen: Während wir die vier Gebrüder durch Tirol reisen sehen, hören wir gleichzeitig Jakobs Freundin aus Portugal im Voice-over, die uns und dem Regisseur erzählt, wer der Jakob war, den sie kennengelernt hatte.

Und während uns die Figur des Jakob zunächst völlig fremd ist, beginnt sie durch die Erzählungen seiner Freundin, durch die Erinnerungen der vier Brüder und durch alte, in Super8 gedrehte Familienfilme schließlich vor unseren Augen Gestalt anzunehmen. Eine Figur, die immer schüchtern und zurückhaltend, aber auch zutiefst anhänglich und beruhigend ist. Genau wie die Briefe, die er ihren Brüdern schrieb, die einzige Möglichkeit, seine Zuneigung auch Tausende von Meilen entfernt zu zeigen.

IBei der Inszenierung von Bruder Jakob, schläfst du noch? ist der Regisseur immer nah an dem geblieben, was er erzählt, ohne sich von der eigenen Emotionalität übermannen zu lassen. Auch nicht in der Szene, in der die Gebrüder am Ende einer Bergwanderung Briefe an ihren Jakob geschrieben haben, indem sie diese in einen Metallbehälter ganz oben auf dem Berg, auf dem sie sich befinden, gelegt haben. Und der Film zeigt sich sofort von großer emotionaler Wucht, schmerzhaft, aber auch heiter und hoffnungsvoll. Aus einer Trauer entsteht eine neue, wichtige Annäherung. Die Wiederannäherung zwischen den vier Brüdern. Und der Moment, in dem wir sie alle gemeinsam mit geschlossenen Augen auf dem Bett liegen sehen, in dem Jakob sich das Leben nahm, stellt den wahren Höhepunkt dieses intimen und bewegenden Dokumentarfilms dar.

Titel: Bruder Jakob, schläfst du noch?
Regie: Stefan Bohun
Land/Jahr: Österreich / 2018
Laufzeit: 80’
Genre: Dokumentarfilm
Buch: Stefan Bohun, Johannes Bohun, David Bohun
Kamera: Klemens Hufnagl
Produktion: Mischief Films

Info: Die Seite von Bruder Jakob, schläfst du noch? auf der Webseite der Diagonale; Die Seite von Bruder Jakob, schläfst du noch? auf iMDb; Die Webseite von Bruder Jakob, schläfst du noch?