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THE TROUBLE WITH BEING BORN

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von Sandra Wollner

Note: 6.5

Sandra Wollners The Trouble with being born präsentiert einen hervorragenden Regieansatz, einen innovativen Stil und ein vielversprechendes Talent, das uns in Zukunft noch viele Überraschungen bescheren wird.

Sie leben unter uns

Es ist oft davon die Rede, dass – in einer nicht allzu fernen Zukunft – Androiden dem Menschen so ähnlich sein werden, dass sie fast mit ihm verwechselt werden. Dieses Thema wurde zum Beispiel erst vor wenigen Monaten von der Regisseurin Maria Arlamovsky in ihrem Dokumentarfilm Robolove behandelt. Aber was wäre, wenn diese Androiden sogar in der Lage wären, Emotionen zu empfinden? Diese wichtigen und komplexen Fragen stellte die junge Regisseurin Sandra Wollner mit ihrem Film The Trouble with being born (Die Last geboren zu sein), der bei der Berlinale 2020 in der neuen experimentellen Reihe Encounters uraufgeführt wurde.

Ein zweifelsohne mutiger Einsatz. Und die Regisseurin, die schon in ihrem Debütfilm Das unmögliche Bild viel Eigeninitiative gezeigt hat, hat mit diesem zweiten Film gleich viele Erwartungen geweckt.

Zweifelsohne spannend ist die Geschichte von Elli, einem zehnjährigen Mädchen, das eigentlich ein Androide ist. Das Mädchen lebt mit einem Mann zusammen, den sie Vater nennt und mit dem sie sehr glücklich zu sein scheint, obwohl ihre Beziehung eher zweideutig ist. Der Mann muss dafür sorgen, dass Elli selbst die Hüterin seiner Erinnerungen sein kann. Die Dinge werden sich jedoch ändern, als das Mädchen, um ihrem Vater in den Wald zu folgen, verloren geht und bei einer anderen Familie landet, die ihre Art zu existieren und zu funktionieren völlig verändern wird.

Neben einem Zukunfts- und Technologiediskurs werden in The Trouble with being born die menschlichen Beziehungen und das Konzept der Familie inszeniert. Die Androidin Elli ist zu Gefühlen fähig, aber jedes Mal ist sie ganz nach dem Willen derjenigen geformt, die mit ihr leben, um emotionale Lücken zu füllen, Hausarbeiten zu erledigen oder sogar jemanden zu ersetzen, der zu früh gestorben ist.

Sandra Wollner spielt hauptsächlich mit Atmosphären. Und der Wald, der hier eine Hauptrolle spielt, wird sofort zum Symbol des Unbewussten, der Erinnerungen und des Oneirischen und lässt bewusst viele Fragen offen, sowohl zu Ellis Geburt als auch zu ihrer Vergangenheit, bevor sie zu ihrem Vater zog (nur vage wird von dem Mädchen – durch seine Off-Stimme – gesagt, dass ihre Mutter ihr früher nie erlaubt hätte, nachts draußen zu bleiben). Die inszenierten Beziehungen sind wiederum zweideutig, fast morbid: Elli wird von den Menschen um sie herum als Objekt benutzt und entwickelt am Ende ein regelrechtes Stockholm-Syndrom gegenüber dem, den sie Vater nennt. Und doch scheint dies der einzige Weg zu ihrem Glück zu sein.

Wenn so viele Elemente ins Spiel kommen, ist die Gefahr, den Faden zu verlieren, größer denn je. Und Sandra Wollner hat es trotz einiger „schwacher“ Momente geschafft, die Situation gut zu meistern. Vergangenheit und Gegenwart kommen in The Trouble with being born immer wieder zurück. Viele Fragen werden aufgeworfen und ebenso viele Antworten bleiben unbeantwortet. Eine sehr extreme Inszenierung, die von Sandra Wollner übernommen wurde. Und das ist gut so, wenn man mit neuen filmischen Sprachen experimentieren will. The Trouble with being born offenbart das unbestrittene Talent der Regisseurin und scheint manchmal fast an das Kino von Jessica Hausner oder Angela Schanelec zu erinnern. Und auch wenn einige Elemente einen tieferen Einblick gebraucht hätten, so lässt all dies darauf schließen, dass Sandra Wollner uns in Zukunft noch viele schöne Überraschungen bescheren kann.

Titel: The Trouble with being born
Regie: Sandra Wollner
Land/Jahr: Österreich, Deutschland / 2020
Laufzeit: 94’
Genere: Drama, Science-Fiction-Film
Cast: Lena Watson, Dominik Warta, Ingrid Burkhard, Jana McKinnon, Susanne Gschwendtner, Simon Hatzl
Buch: Sandra Wollner, Roderick Warich
Kamera: Timm Kröger
Produktion: Panama Film, The Barricades

Info: Die Seite von The Trouble with being born auf iMDb; Die Seite von The Trouble with being born auf der Webseite der Austrian Film Commission; Die Seite von The Trouble with being born auf der Webseite der Berlinale