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GUSTAV MACHATY – ZWISCHEN ZWEI EPOCHEN

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Mit einer Karriere, die bereits in der Stummfilmzeit begann, behielt Gustav Machaty seine ausgeprägte Ästhetik und Themen wie die Einsamkeit des Menschen, das verzweifelte Bedürfnis nach Glück und den Tod für immer bei – auch als der Tonfilm weltweit erschien.

Züge, Bahnsteige, Bahnhöfe…

Bilder. Bilder, die für sich selbst sprechen, auch ohne den Bedarf an Dialog. Bilder, die durch Licht, Schatten, Gesichter und Objekte eine tiefe Bedeutung erhalten. Ja, Objekte. Gerade die scheinbar bedeutungslosen Gegenstände sind – zusammen mit wiederkehrenden Orten und Situationen – die Protagonisten des Kinos von Gustav Machaty. Und Gustav Machaty selbst – ein aus Prag stammender Filmemacher, der auch oft in Österreich gearbeitet hat (er hat hier vier Filme gedreht) – hat immer zugegeben, dass es gerade bestimmte Gegenstände und bestimmte Orte zusammen mit einem durchdachten Schnitt sind, die es seinen Filmen ermöglichen, dem Zuschauer bestimmte Empfindungen zu vermitteln.

Während seiner gesamten Karriere, die bereits in der Stummfilmzeit begann, behielt Machaty – auch nachdem sich der Tonfilm in der ganzen Welt verbreitet hatte – seine ausgeprägte Ästhetik und wiederkehrende Themen wie die Einsamkeit des Menschen, das verzweifelte Bedürfnis nach Glück und den Tod für immer bei.

All das findet sich in Nocturno (1934), dem vierten und letzten österreichischen Film unter der Regie von Gustav Machaty. Inspiriert von einem Gedicht von Rainer Maria Rilke, das einen Panther beschreibt, der im Jardin du Luxembourgh hinter den Gitterstäben eines Käfigs gefangen ist, eröffnete Machaty seinen Film mit dem Bild einer streunenden Katze, die sich ruhelos und melancholisch hinter den Gitterstäben eines Käfigs bewegt. Eine Frau wartet unter dem Schatten eines Baumes. Sie wartet auf einen Mann. Dank dieses Mannes, den sie gerade kennengelernt hat, hat sie ein Leben in Luxus und Komfort begonnen und sie hasst ihr altes Leben. Ein Leben, in dem ein Ehemann, ein Sohn und eine verstaubte Altbauwohnung ihr keine Motivation mehr geben. In den Szenen, die in Innenräumen gedreht werden, fällt wenig, sehr wenig Licht durch die Fenster. Dann endlich treffen sich die beiden Liebenden in der Nähe der Gleise am Bahnhof. Und genau das ist eine der Konstanten im Kino von Gustav Machaty. Viele Schlüsselszenen in seinen Spielfilmen spielen sich auf dem Bahnhof ab. Und wir sehen auch oft Männer und Frauen, die völlig inkompatibel sind. Und Frauen, die unter ihrem monotonen Alltag und der beengten – wenn auch oft sehr luxuriösen – Umgebung, in der sie leben, sehr leiden. Frauen, die sich verzweifelt nach ihrer eigenen Freiheit, ihrer eigenen Unabhängigkeit sehnen.

Gleiches gilt für den Film Die Kreutzersonate (1927), in dem der Wunsch der jungen Protagonistin, ihr Leben zu ändern, bei ihrem Mann morbide Eifersucht hervorruft. Geschürt wird diese Eifersucht durch viele scheinbar unbedeutende Gegenstände – dazu gehören zum Beispiel ein paar Flaschen Parfüm oder auch nur Musik, die auf dem Klavier gespielt wird -, die ständig als potenzielle Anhaltspunkte betrachtet werden. Machaty setzt hier auf schnelle innere Veränderungen und eine komplexe Psychologie, die dafür sorgt, dass man am Ende des Anschauens nicht mehr weiß, was Realität und was Einbildung ist. Und eine tragische Auflösung ist das, was wir oft erwarten.

Züge, Bahnhöfe, Gleise, Ampeln und einsame Bänke, die die Einsamkeit der Protagonisten perfekt symbolisieren, sind die Konstanten im Kino von Gustav Machaty. Und das alles ist ganz im Sinne der Neuen Sachlichkeit. Die physischen Objekte spiegeln die Innerlichkeit der Charaktere wider. So wie das, was Karl – Ehemann der Protagonistin in Nocturno – in dem Moment passiert, als er merkt, dass seine Frau ihn verlassen hat. Der Mann läuft auf einige einsame Gleise zu. Zur gleichen Zeit findet sein Sohn einen toten Vogel auf dem Boden. Der Mann rennt weiter. Fast scheint er seinen Sohn vergessen zu haben, der ihn auf den Gleisen einholt. Karl nimmt seinen Sohn in den Arm. In der Ferne ist das Pfeifen eines Zuges zu hören. Rauschen, Bilder, Bewegung. Und ein hektischer Schnitt. Der Zug fährt schließlich über die Brücke. Karl hat sich endgültig für das Leben entschieden. Seine persönliche Krise existiert nicht mehr.

In Ekstase (1933), seinem berühmtesten Film, sehen wir eine junge Eva (gespielt von Hedy Lamarr), die gerade mit dem viel älteren Emil verheiratet ist. Schon in der Hochzeitsnacht können wir Gegenstände und Rituale wahrnehmen, die auf eine müde Methodik des neuen Ehemannes hinweisen: Eine Brille, eine Zahnbürste oder auch eine Schachtel mit Schlaftabletten. Alle Objekte, die Eva in irgendeiner Weise isolieren. Eine Isolation, die Emil zunächst nicht bemerkt. Doch als er es tut, ist es zu spät: Eva hat ihn für einen anderen Mann verlassen. Als sich die beiden Männer treffen und eine kurze Fahrt im Auto machen, verliert Emil immer mehr die Kontrolle, bis sie in der Nähe eines Bahnübergangs ankommen. Und so hören wir wieder das Pfeifen eines Zuges. Ein Zug, der immer näher kommt. Aber auch dieses Mal gibt der Mann sein Ziel auf.

All dies ist das Kino von Gustav Machaty. Ein Kino der Orte, Objekte und einer starken Innerlichkeit, in dem der Schnitt eine wesentliche Rolle spielt. Ein Kino, das perfekt zwischen zwei großen Epochen liegt: der Stummfilmzeit und der Tonfilmzeit. Ein Kino, das, auch wenn es manchmal anachronistisch ist, für seinen unverwechselbaren Stil, für seine große Kenntnis der menschlichen Seele, für die starke und schmerzhafte Kraft seiner Bilder in Erinnerung bleibt.

Bibliographie: Das tägliche Brennen: eine Geschichte des österreichischen Films von den Anfängen bis 1945, Elisabeth Büttner, Christian Dewald, Residenz Verlag; Zur Soziologie des Kino, Emilie Altenloh
Info: Die Seite von Gustav Machaty auf iMDb; Die Seite von Gustav Machaty auf der Webseite der Enciclopedia Treccani