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ANGESCHWEMMT

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von Nikolaus Geyrhalter

Note: 8.5

Es gibt eine besondere Welt, die in Angeschwemmt erzählt wird. Das ist die Welt der Fischer, der Friedhofswärter, der buddhistischen Mönche, der Obdachlosen, der Militärangehörigen, die sich zu Übungen fernab der Wohngebiete treffen. Eine Welt, in der viele Kulturen und Dutzende von Geschichten aufeinandertreffen. Geschichten und Menschen, die etwas Wichtiges gemeinsam haben: Die Donau.

An der schönen blauen Donau

Es war einmal ein, oder besser gesagt, viele magische Orte. Orte, an denen die Zeit stillzustehen schien. Orte, die der Mensch und die Verstädterung anscheinend überhaupt nicht beeinflusst haben. Orte so nah an einer Großstadt und doch so weit weg von allem und jedem. Von diesen Orten wollte der bekannte Dokumentarfilmer Nikolaus Geyrhalter in seinem 1994 entstandenen Debütfilm Angeschwemmt erzählen, in dem man bereits die für den Wiener Filmemacher typischen Regieansätze und Erzählstrukturen erkennen konnte.

Und von Wien aus – von seiner Heimatstadt aus – begab sich Geyrhalter auf eine Reise, die ihn in eine magische Welt führen sollte. Es ist die Welt der Fischer, der Friedhofswärter, der buddhistischen Mönche, der Obdachlosen, der Soldaten, die sich fernab der großen Städte zu ihren Übungen versammeln und eines einzigartigen rumänischen Ehepaares, das an Bord eines Bootes lebt und arbeitet, mit dem Zement von Ungarn nach Österreich transportiert wird. Eine Welt, in der viele Kulturen und Dutzende von Geschichten aufeinandertreffen. Geschichten und Menschen, die etwas Wichtiges gemeinsam haben: Die Donau. Und die große Liebe zu diesem Fluss – zusammen mit der Ruhe der Orte, die er durchquert – hat diese Menschen dazu gebracht, bestimmte Lebensentscheidungen zu treffen und ein Leben scheinbar weit weg von allem und jedem führen zu wollen, in dem das beste Geschenk, das man sich nach einem Arbeitstag machen kann, ein langer Spaziergang inmitten der Natur oder ein Bier in einer kleinen Kneipe mit Freunden ist.

Doch wie lange wird eine solche Realität anhalten? In Angeschwemmt wollte Nikolaus Geyrhalter uns das unausweichliche Ende einer Welt zeigen, die bald von Urbanisierung und Industrialisierung verdrängt wird. So wie die hohen und „sperrigen“ Gebäude, die von der anderen Seite des Flusses aus zu sehen sind, wo einst nur Bäume und breite Grünflächen waren, zeigen. Und so wirkt Angeschwemmt – zusammen mit seinen Protagonisten – sofort wie eine alte Fotografie. Eine Fotografie, deren nostalgische und melancholische Wirkung durch ein bedeutendes Schwarz-Weiß im gesamten Dokumentarfilm noch unterstrichen wird.

Für die interviewten Personen wird Geyrhalters Kamera zum idealen Bewahrer von Geschichten, die sonst in Vergessenheit geraten würden. Und alle haben unzählige Geschichten, Geheimnisse und Anekdoten, die darauf warten, enthüllt zu werden. So wie die zahlreichen Geschichten von Josef Fuchs, der als Hüter des Friedhofs der Namenlosen seit mehr als sechzig Jahren die Leichen von Menschen, die durch Selbstmord starben und nicht identifiziert werden konnten, aus der Donau fischte und sie anschließend auf dem Friedhof bestattete. Oder wie das nette rumänische Ehepaar, das seit über dreißig Jahren auf einem Boot lebt und arbeitet und denkt, dass eine solche Situation für einen jungen Menschen, der heute gezwungen ist, ohne Fernsehen oder Radio zu leben, undenkbar wäre (und man bedenke, dass es damals das Internet noch nicht so häufig benutzt wurde).

Nikolaus Geyrhalter, der seit jeher die Auswirkungen – oder vielmehr die Schäden – des Menschen auf die Natur beobachtet (man denke nur an den jüngsten Dokumentarfilm Erde aus dem Jahr 2019 sowie an den vorangegangenen Homo Sapiens aus dem Jahr 2016), hat sich bereits in seinem Angeschwemmt für einen notwendigerweise langsamen und kontemplativen Regieansatz entschieden. Hier ist kein Platz für extradiegetische Musik: Was wir hören, sind nur die Stimmen der Protagonisten und vor allem die Natur, mit dem Wind, der die Blätter der Bäume bewegt, den Vögeln, die in Schwärmen fliegen, und natürlich der Donau. Das Geräusch von fließendem Wasser vermittelt uns ein ungewöhnliches Gefühl von Ruhe und Melancholie. Aber – wie Heraklit sagte – ist es gerade dieser ständige Fluss des Wassers, der uns sagt, dass alles vergeht, dass nichts von Dauer ist, dass nichts dazu bestimmt ist, ewig zu dauern. Nicht einmal diese friedliche Welt, die uns in Angeschwemmt erzählt wird. So wie das Bild eines einsamen Fischers zeigt, der schweigend seine geliebte Donau beobachtet.

Auch in seinem Debütfilm zeigt sich Nikolaus Geyrhalter unzweifelhaft kritisch gegenüber der zunehmenden Urbanisierung. In Angeschwemmt spielt jedoch die Sehnsucht nach dieser fernen Welt eine zentrale Rolle. Eine Welt, der der Regisseur hier eine wahre Liebeserklärung gewidmet hat und die trotz allem dank ihm in diesem wertvollen Dokumentarfilm für immer weiterleben wird.

Titel: Angeschwemmt
Regie: Nikolaus Geyrhalter
Land/Jahr: Österreich / 1994
Laufzeit: 86’
Genre: Dokumentarfilm
Buch: Nikolaus Geyrhalter
Kamera: Nikolaus Geyrhalter, Wolfgang Widerhofer
Produktion: Nikolaus Geyrhalter Filmproduktion

Info: Die Seite von Angeschwemmt auf iMDb; Die Seite von Angeschwemmt auf der Webseite von Nikolaus Geyrhalter; Die Seite von Angeschwemmt auf der Webseite vom Filmarchiv Austria