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RADETZKYMARSCH

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von Michael Kehlmann

Note: 7.5

Ein beunruhigendes Gefühl von Tod und Klaustrophobie durchzieht den gesamten Radetzkymarsch (Michael Kehlmann, 1964), eine Verfilmung von Joseph Roths gleichnamigem Roman. Die Habsburgermonarchie erscheint uns als eine Art goldener Käfig. Ein Käfig, in dem Carl Joseph und sein Vater Franz, die Protagonisten des Films, gefangen sind.

Augen beobachten

Ein Porträt. Ein imposantes Ölporträt, das jeden in dem Raum, in dem es hängt, ernsthaft beobachtet. Ihm gegenüber ein ebenso großes Gemälde von Kaiser Franz Joseph I. von Österreich. Es sind die beiden Gemälde, die das Leben des Barons Franz von Trotta (Leopold Rudolf) und seines Sohnes, des jungen Leutnants Carl Joseph (Helmut Lohner), seit jeher prägen. Franz und Carl Joseph sind also die Protagonisten des Films Radetzkymarsch, der 1964 unter der Regie von Michael Kehlmann entstand und eine Verfilmung des gleichnamigen Romans von Joseph Roth ist.

Die auf dem ersten Bild dargestellte Person ist der Vater des Barons Franz, der für die Rettung des Kaisers in der Schlacht von Solferino den Adelstitel erhalten hatte. Um dieses wichtige Ereignis zu feiern, spielt jeden Sonntag eine Blaskapelle vor dem Haus der von Trottas den Radetzkymarsch. Dieses wichtige und für die eigene Familie bedeutsame Ereignis war es auch, das Franz dazu veranlasste, seinen Sohn zu ermutigen, eine militärische Laufbahn einzuschlagen und für den Rest seines Lebens der Habsburgermonarchie zu dienen und sie zu ehren. Aber war das wirklich die beste Entscheidung?

Während des gesamten Radetzkymarsches ist es das Porträt des „Großvaters von Trotta“, das immer wieder in den Alltag der beiden Protagonisten zurückkehrt. Das Porträt des Großvaters von Trotta zusammen mit jenem von Franz Joseph selbst, das in allen Räumen hängt, in denen sich der junge Carl Joseph aufhält. Und Carl Joseph hat – aufgrund seiner Erziehung und der Ideale, denen er stets verbunden war – immer kein anderes Ziel gehabt, als der Monarchie zu dienen und seinen Familiennamen zu ehren. Es gibt keinen Platz für etwas anderes in seinem Leben. Nicht einmal für Liebe (wie er oft zugegeben hat, wird er sich nie verlieben). Und so endet jede (meist heimliche) Liebesbeziehung unweigerlich tragisch: Kathi – die Frau eines Offiziers – wird schwanger und stirbt vorzeitig, während die Frau seines Freundes, des Sanitätsoffiziers Dr. Demant, den Tod ihres Mannes verursacht hat, der einen anderen Offizier, der sich über ihn lustig gemacht hatte, zum Duell herausfordern musste.

Und es ist genau dieses beunruhigende Gefühl von Tod und Klaustrophobie, das Michael Kehlmanns gesamten Radetzkymarsch durchdringt. Die Habsburgermonarchie erscheint uns als eine Art goldener Käfig. Ein Käfig, in dem Carl Joseph und sein Vater Franz gefangen sind. So wie der Kanarienvogel ihres treuen Butlers, der von allen auf den Tod beobachtet wird, aber von niemandem befreit wird. Und so wird die Monarchie, die Österreich so viel Prestige verliehen hat, sowohl in diesem Film als auch in Roths Roman stark kritisiert und als überholte Realität betrachtet. Und doch ist eine der Personen, die uns am humansten erscheint, Franz Joseph (gespielt von Max Brebeck), dessen Gedanken wir oft im Off hören. Er ist ein sehr alter und ruhiger Mann, der hier in seinem täglichen Leben sogar im Nachthemd gezeigt wird (was den damaligen Konservativen nicht gefiel, die es für unwürdig hielten, einen Kaiser in solcher Kleidung darzustellen).

Franz Joseph wird die Familie von Trotta nicht überleben. Und er wird wenige Tage vor Franz sterben, dem letzten wahren Verfechter einer nun von allen abgelehnten Realität (besonders interessant ist die Szene, in der während einer Party die Nachricht von der Ermordung des Thronfolgers Franz Ferdinand in Sarajevo bekannt gegeben wird. In diesem Moment beginnt das Orchester den Trauermarsch von Chopin zu spielen, der sich bald in einen fröhlichen mährischen Volkstanz verwandelt, mit vielen Panoramaaufnahmen – besonders geliebt vom Regisseur – die uns die Tänzer immer fröhlicher zeigen).

Mit der Geschichte der Familie von Trotta hat Kehlmann (und Joseph Roth) in Radetzkymarsch das Ende einer für Österreich wichtigen Epoche inszeniert. Eine Epoche, in der kein Platz für irgendeine kleine Form von Humanität war, die hier durch den Alltag einer kleinen, adligen Familie dargestellt wird. Und all das machte Radetzkymarsch zu einem echten Erfolg. Und so beschloss der Regisseur Axel Corti 1994, eine Neuverfilmung zu inszenieren. Das ist aber eine andere Geschichte.

Titel: Radetzkymarsch
Regie: Michael Kehlmann
Land/Jahr: Österreich, Deutschland / 1964
Laufzeit: 210’
Genre: Drama, Historienfilm
Cast: Leopold Rudolf, Helmuth Lohner, Hertha Martin, Manfred Inger, Fritz Eckhardt, Jane Tilden, Rudolf Rhomberg, Eva Fiebig, Karl Ehmann, Pit Krüger, Erich Auer, Alfred Böhm, Peter Gerhard, Walter Sedlmayr, Erwin Strahl, Hans Unterkircher, Gustaf Elger, Albert Rueprecht, Alfred Reiterer, Anton Rudolph, Peter Michl-Bernhard, Xandi Schwarz, Lotte Neumayer, Max Brebeck, Hans Jaray, Fritz Lehmann, Georg Lhotzky, Helmut Qualtinger, Franz Stoss
Buch: Michael Kehlmann
Kamera: Elio Carniel, Utz Carniel, Josef Vavra
Produktion: Bayerischer Rundfunk, ORF

Info: Die Seite von Radetzkymarsch auf iMDb; Die Seite von Radetzkymarsch auf film.at