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MICHAEL

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von Markus Schleinzer

Note: 7

Mit einem Regieansatz, der zahlreiche Einflüsse aus dem Kino von Michael Haneke erkennen lässt, hat Markus Schleinzer – gemeinsam mit Kathrin Resetarits – in seinem Debütfilm Michael eine rigorose Inszenierung gewählt: Keine Kamerabewegungen und wenige, aber wesentliche Dialoge. Im Wettbewerb bei den Filmfestspielen von Cannes 2011.

Weit weg von allen

Nachdem er lange als Schauspieler, Casting Director und Regieassistent für Michael Haneke, Ulrich Seidl, Michael Glawogger und viele andere gearbeitet hat, drehte Markus Schleinzer zusammen mit seiner Kollegin Kathrin Resetarits 2011 schließlich seinen Debütfilm. Es handelt sich um Michael, koproduziert von Nikolaus Geyrhalter und im Wettbewerb bei den Filmfestspielen von Cannes 2011.

Michael basiert auf der Geschichte der jungen Natascha Kampusch, die im Alter von zehn Jahren von Wolfgang Priklopil entführt und acht Jahre lang in einem Keller gefangen gehalten wurde, bis ihr 2006 die Flucht gelang. Diese Geschichte hatte – ähnlich wie die Ereignisse in Amstetten, wo ein Mann seine Tochter jahrelang in einem Keller absonderte – offensichtlich eine enorme Resonanz in ganz Österreich. Und genau von solchen Ereignissen ließ sich Markus Schleinzer bei der Inszenierung seines Debütfilms inspirieren. Und auch wenn die Einflüsse seiner Meister hier laut und deutlich zu spüren sind, so suchte der Regisseur und Schauspieler doch von Anfang an seine ganz persönliche Filmsprache.

Die Geschichte beginnt kurz vor den Feiertagen, in einer kleinen Stadt im österreichischen Bundesland. Michael (Michael Fuith) ist ein Mann in den Vierzigern, der scheinbar ein normales Leben führt: Er arbeitet als Angestellter und hat ein herzliches Verhältnis zu seinen Nachbarn. Doch niemand weiß, dass der Mann einen zehnjährigen Jungen namens Wolfgang (David Rauchenberger) in seinem Keller gefangen hält.

Markus Schleinzer hat sich hier für einen sehr rigorosen Regieansatz entschieden: Keine Kamerafahrten, bis ins kleinste Detail durchdachte Kameraeinstellungen und wenige, aber wesentliche Dialoge. Und dieser Regieansatz ist besonders geeignet für das, was hier erzählt wird. Ebenso geben die Farben der Bühnenbilder – besonders dunkel, wenn man an eine Einstellung zur Zeit der Weihnachtsferien denkt – gut die Vorstellung einer Umgebung wieder, in der man sich sofort unwohl fühlt. Eine beengte und klaustrophobische Umgebung, aus der es keinen Ausweg zu geben scheint. Nicht einmal in den seltenen Szenen, die im Freien gedreht worden sind.

Bei Michael wird nichts dem Zufall überlassen. Dennoch gibt es deutliche Ähnlichkeiten zum Kino von Ulrich Seidl oder besonders von Michael Haneke, mit dem Schleinzer jahrelang zusammengearbeitet hat. Bei der Inszenierung des Leidens von Wolfgang hat sich Markus Schleinzer dafür entschieden, nichts vor der Kamera zu zeigen. Vor der Kamera passiert nichts Gewalttätiges, mit Ausnahme einer Szene, in der das Kind versucht, zu rebellieren, indem es Michael schlägt, der fast amüsiert aussieht, weil er sich sicher ist, dass er ihn überwältigen kann. Doch während Michael Haneke oft auf das Off setzt und uns hören lässt, was abseits der Kamera passiert (wie in der Massaker-Szene in Funny Games oder im Moment, in dem ein Kind von seinem Vater verprügelt wird, während wir nur die geschlossene Tür von dessen Atelier in Das weiße Band sehen), entscheidet sich Markus Schleinzer hauptsächlich für einen deutlichen Schnitt, der uns erahnen lässt, was abseits unserer Augen geschieht. Und auch dieser Ansatz funktioniert, auch wenn er weniger prägnant daherkommt als Hanekes Inszenierung.

Während Schleinzer in seinem Debütfilm fast den Eindruck erweckt, dass sein Stil noch nicht gut ausgereift ist, merkt man ihm sein Talent und sein großes Geschick im Umgang mit der inszenierten Geschichte an. Die Geschichte von Michael und seiner jungen Gefangenen schockiert den Zuschauer sofort und wirkt auf uns extrem erbarmungslos. Und sofort wird mit dem Finger auf eine scheinbar tadellose Gesellschaft gezeigt, die aber in Wirklichkeit die schäbigsten Geheimnisse verbirgt. So wie es uns Ulrich Seidl 2014 in seinem Dokumentarfilm Im Keller gezeigt hat.

Schleinzers Regiekarriere hat nach diesem interessanten Debüt eine Fortsetzung erfahren. Und in Angelo (2018) können wir sehen, wie der Regisseur stilistisch reifer und sicherer geworden ist. Das ist aber eine andere Geschichte.

Titel: Michael
Regie: Markus Schleinzer
Land/Jahr: Österreich / 2011
Laufzeit: 97’
Genre: Drama
Cast: Michael Fuith, David Rauchenberger, Christine Kain, Ursula Strauss, Victor Tremmel, Xaver Winkler, Thomas Pfalzmann, Gisela Salcher, Isolde Wagner, Markus Hochholdinger, Susanne Rachler, David Oberkogler, Samy Goldberger, Martina Poel, Mika Sakurai, Paul Karall, Alicia Limpahan, Gerhard Lutz, Hanus Polak Jr., Markus Schleinzer, Barbara Willensdorfer, Jim Holderied, Samuel Jung, Margot Vuga, Heidi Kastner
Buch: Markus Schleinzer
Kamera: Gerald Kerkletz
Produktion: Cine Tirol, Filmfonds Wien, FISA, NIkolaus Geyrhalter Filmproduktion, ORF, Österreichisches Filminstitut

Info: Die Seite von Michael auf iMDb; Die Seite von Michael auf der Webseite der Nikolaus Geyrhalter Filmproduktion