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NEBEL IM AUGUST

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von Kai Wessel

Note: 7

Nebel im August von Kai Wessel zeichnet sich durch ein tendenziell monochromes Licht aus, das immer zu schwach ist. Ein Licht, das zu einem Drehbuch passt, in dem die mutigsten Figuren nie wirklich zu Wort kommen.

Gibt es noch Platz für Träume?

Es war einmal ein Kind von etwa dreizehn Jahren, das hieß Ernst. Ein Kind, das, mutterlos und Sohn eines jenischen Straßenhändlers, erst in ein Arbeitslager, dann in ein Krankenhaus geschickt wurde, um den Kranken zu helfen. Sein Vater hatte keine Aufenthaltsbescheinigung und konnte deshalb seinen Sohn nicht mit nach Hause nehmen. Und das Kind, im Krankenhaus, wird sich in einer völlig unerwarteten Situation wiederfinden. Das ist die Geschichte, die uns der Spielfilm Nebel im August von Kai Wessel (2016) nach dem gleichnamigen Roman von Robert Domes erzählt. Doch die Ereignisse des jungen Ernst sind nicht frei erfunden. Der junge Ernst Lossa hat wirklich existiert. Und das Krankenhaus, in dem er war und arbeitete, ist in die Geschichte eingegangen als das Krankenhaus, in dem während des Zweiten Weltkriegs beunruhigende Experimente an menschlichen Gehirnen durchgeführt wurden, nachdem Patienten, die als schwächer galten, durch tödliche Injektionen oder – im Fall von Kindern – durch die Verabreichung von Barbituraten in Himbeersaft getötet wurden.

Deutschland hat, mehr als Österreich, oft Episoden über die nationalsozialistische Diktatur mit all ihren Folgen inszeniert, während Österreich vor allem an Avantgarde-Filmen, Dokumentarfilmen und – besonders von den 1930er bis 1950er Jahren – an Liebes- und Kostümfilmen interessiert war. Doch auch in Österreich wurde der Zweite Weltkrieg häufig inszeniert. Das war zum Beispiel bei Stefan Ruzowitzkys Die Fälscher der Fall, mit dem Österreich seinen ersten Oscar gewonnen hat.

Was diesen Film Nebel im August betrifft, so erinnert die Inszenierung fast an einen Fernsehfilm, liegt aber durchaus im Rahmen der Standards des deutschen Films. Einer der ersten Filme, der uns in diesem Zusammenhang einfällt, ist der berühmte Der Junge im gestreiften Pyjama (Mark Herman, 2008). Doch wenn wir den jungen Protagonisten sehen, der nie die Hoffnung auf eine Flucht in die Ferne verliert und seine Träume nicht aufgibt, denken wir sofort an den neueren Wie ich lernte, bei mir selbst Kind zu sein (Rupert Henning, 2019). Das betrifft aber nur die Einstellung der beiden Protagonisten zum Leben und zu den schwierigsten Situationen.

Wenn Ernst mit seiner Freundin Nandl auf dem Dach sitzt, von Amerika träumt und von Wünschen spricht, die sicher in Erfüllung gehen werden, bekommt die ganze Szene etwas Magisches, fast Traumhaftes. Doch wir merken schnell, dass für Träume und Wünsche eigentlich kein Platz ist. Und dies wird durch die Inszenierung selbst bestätigt. Eine Inszenierung mit einer tendenziellen monochromen Beleuchtung, eine Inszenierung, in der das Licht immer zu schwach ist. Eine Inszenierung, die auch durch ein Drehbuch ergänzt wird, in dem es die mutigsten Figuren nie wirklich schaffen, zu Wort zu kommen. Dies ist zum Beispiel bei Schwester Sofia oder Dr. Max Witt (gespielt von Banko Samarovski, der für diese Leistung 2017 den Österreichischen Filmpreis für die Beste männliche) Nebenrolle erhielt) der Fall.

Das Gefühl der Klaustrophobie im Inneren des Krankenhauses wird hier von Kai Wessel gut wiedergegeben. Der Regisseur hat hier eine Art Labyrinth ohne Ausgang dargestellt, in dem niemand frei ist. Auch nicht (oder fast) in der Szene, in der sich die vom charismatischen Ernst angestachelten Patienten weigern, ihr Mittagessen zu essen, indem sie die Fische auf ihren Tellern an die Decke werfen, damit sie dort hängen bleiben.

Nebel im August inszeniert also Ereignisse, die wirklich passiert sind, und zeigt nicht nur mit dem Finger auf die nationalsozialistische Diktatur, sondern auch und vor allem auf eine Gesellschaft, die unfähig ist, aus der Geschichte zu lernen. Ein desillusioniertes Porträt einer Welt, die der Vergangenheit angehört, die aber auch heute noch traurig lebendig und pulsierend erscheint.

Titel: Nebel im August
Regie: Kai Wessel
Land/Jahr: Deutschland, Österreich / 2016
Laufzeit: 121’
Genre: Drama, Historienfilm
Cast: Ivo PIetzcker, Sebastian Koch, Thomas Schubert, Fritzi Haberlandt, Henriette Confurius, Branko Samarovski, David Bennent, Jule Hermann, Niklas Post, Karl Markovics, Patrick Heyn, Lyonel Hollaender, Juls Serger, Franziska Singer, Arne Wichert
Buch: Holger Karsten Schmidt
Kamera: Hagen Bogdanski
Produktion: Collina Film, Dor Film, Studio Canal, ORF

Info: Die Seite von Nebel im August auf iMDb; Die Seite von Nebel im August auf MyMovies