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BEWEGUNGEN EINES NAHEN BERGS

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von Sebastian Brameshuber

Note: 8

Bewegungen eines nahen Bergs von Sebastian Brameshuber fällt sofort durch seinen hyperrealistischen Ansatz auf, verbindet aber gleichzeitig Vergangenheit und Gegenwart, Realität und Legenden, Materielles und Spirituelles. Ein Dokumentarfilm, der sofort durch seine zarte Lyrik auffällt.

Zwischen Traum und Wirklichkeit

Ausgezeichnet mit dem Grand Prix beim Cinéma du Réel 2019 und uraufgeführt in Österreich bei der Diagonale 2019, fällt Sebastian Brameshubers Dokumentarfilm Bewegungen eines nahen Bergs sofort durch seinen Ansatz auf, der zwar hyperrealistisch ist, aber gleichzeitig Vergangenheit und Gegenwart, Realität und Legenden, Materielles und Spirituelles gekonnt verbindet. Ein Dokumentarfilm, der sofort durch seine zarte Lyrik auffällt und damit zu einem der besten österreichischen Filme des Jahres 2019 wurde. Doch worum geht es bei Bewegungen eines nahen Bergs?

Der Protagonist des Dokumentarfilms ist der Nigerianer Cliff, der allein auf einem Schrottplatz am Fuße des Erzbergs in Österreich lebt. Normalerweise arbeitet er und verkauft alte Autoteile zu einem übermäßig niedrigen Preis weiter und verbringt seine Tage in fast völliger Einsamkeit, abgesehen von gelegentlichen Besuchen von Kunden oder von seinem Freund und Kollegen Magnus. Brameshubers Kamera zeigt uns den Alltag der Protagonistin mit außergewöhnlicher Ruhe und entscheidet sich (fast) ausschließlich für statische Kameraeinstellungen. Vor der Kamera arbeitet der Protagonist an verschiedenen Ersatzteilen, isst allein und wäscht seine Wäsche, indem er sie zwischen alten Autos zum Trocknen aufhängt. Die Ruhe, die uns von Bewegungen eines nahen Bergs vermittelt wird, hat eine weitaus symbolischere und tiefere Bedeutung als der reine Realismus, mit dem der Film gemacht wurde.

Wie bereits zu Beginn des Films angedeutet, gibt es eine uralte nigerianische Legende über die Versklavung der Menschen und ihren symbolischen Wettlauf – das Erklimmen eines steilen Berges – zum ewigen Reichtum und zur Unsterblichkeit. Es ist kein Zufall, dass sich die Geschichte direkt am Fuße des Erzbergs abspielt, über den eine ähnliche Legende erzählt wird. Und so begegnen sich zwei Nationen – Nigeria und Österreich – auf zwei verschiedenen Ebenen: Auf der irdischen, dank der vielen Einwanderer aus der afrikanischen Nation, und auf der geistigen, in einem ständigen und verzweifelten Wettlauf zur Unsterblichkeit, zur Erhöhung des Menschen und zum Ende des irdischen Leidens. Das Ergebnis ist ein Dokumentarfilm, der vielschichtiger und komplexer ist, als es auf den ersten Blick erscheinen könnte.

Und so wird in Bewegungen eines nahen Bergs dieser Wettlauf zur Unsterblichkeit vom Regisseur kaum angedeutet, wenn Cliff den Wald neben dem Schrottplatz, auf dem er arbeitet, aufsucht. In diesem Moment folgt die Schulterkamera ständig dem Protagonisten. In diesem Moment ist alles unsicherer, alles ist aleatorisch, die strengen irdischen Gesetze gelten nicht mehr. Doch die Zeit, in die Realität und den Alltag zurückzukehren, kommt leider immer wieder.

Aber sind Träume – und natürlich auch die Hoffnung – nicht immer die letzten, die „sterben“? Genau das will Sebastian Brameshuber mit diesem wertvollen Bewegungen eines nahen Bergs uns vermitteln. Und er will uns auch eine Realität zeigen, die den meisten Menschen noch unbekannt ist. Indem er Teil des Alltags des jungen Cliff wird, taucht der Zuschauer in eine völlig neue Welt ein, die etwas Unwirkliches, Magisches, Spirituelles an sich hat.

Titel: Bewegungen eines nahen Bergs
Regie: Sebastian Brameshuber
Land/Jahr: Österreich, Frankreich, Nigeria / 2019
Laufzeit: 86’
Genre: Dokumentarfilm
Buch: Sebastian Brameshuber
Kamera: Klemens Hufnagl
Produktion: Mischief Films, Panama Film

Info: Die Seite von Bewegungen eines nahen Bergs auf iMDb; Die Seite von Bewegungen eines nahen Bergs auf der Webseite der Austrian Film Commission