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LILLIAN

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von Andreas Horvath

Note: 8

In den 1920er Jahren versuchte die junge Lillian Alling, zu Fuß von New York nach Russland zurückzukehren. Der Film Lillian – unter der Regie von Andreas Horvath und produziert von Ulrich Seidl – wurde von ihrer Geschichte inspiriert. Das Ergebnis ist ein schmerzhafter, fesselnder und spannender Spielfilm. Bei den Filmfestspielen von Cannes 2019, im Rahmen der Directors‘ Fortnight.

Coast to coast

Bei den Filmfestspielen von Cannes 2019 wurde im Rahmen der Directors‘ Fortnight Sektion eine echte Perle des österreichischen Films präsentiert. Es handelt sich um den Film Lillian, bei dem Andreas Horvath Regie führte und der von Ulrich Seidl produziert wurde. Ein Spielfilm, über den trotz seines unbestrittenen künstlerischen Wertes noch nicht viel gesagt wurde.

Was erzählt uns Lillian? Inspiriert von der Geschichte der jungen Lillian Alling, die in den 1920er Jahren versuchte, zu Fuß von New York nach Russland zurückzukehren, ist dieser neueste Spielfilm von Andreas Horvath ein schmerzhafter, ergreifender und faszinierender Film. Ein Film, der von den ersten Minuten an die Aufmerksamkeit des Zuschauers fesselt und sich mit einem exzellenten Crescendo auf das Ende zubewegt.

Der Film spielt in der Gegenwart und beginnt mit der Ablehnung der jungen und schönen Lillian (gespielt von einer hervorragenden Patrycja Planik) bei einem Vorstellungsgespräch, da ihre Aufenthaltsgenehmigung abgelaufen ist. Die einzige Lösung scheint die sofortige Rückkehr nach Russland zu sein. Doch die einzige Möglichkeit, ohne Geld dorthin zu gelangen, ist, eine lange Reise zu Fuß anzutreten.

Andreas Horvath hat sich daher an einer Geschichte versucht, die an eines von Werner Herzogs Abenteuern erinnert. Eine Geschichte, die ganz auf die Protagonistin ausgerichtet ist und in der es nicht vieler Worte bedarf: Die Dialoge sind auf ein Minimum reduziert, da Lillian gar kein Englisch spricht. Alles wird durch Bilder, Geräusche und diegetische Stimmen dargestellt, die ein eindrucksvolles Fresko der Vereinigten Staaten malen. Und durch die Reise der jungen Protagonistin werden wir sofort Teil dieser großen und vielfältigen Nation, mit ihren überfüllten Städten, ihren halbverlassenen Vorstädten und ihrer unberührten Natur.

Kurze, aber wirkungsvolle Kameraeinstellungen charakterisieren auch perfekt die Einheimischen, die Ladenbesitzer und die Bewohner, die uns mal misstrauisch, mal äußerst höflich und fürsorglich wirken, wie wenn eine Dame der jungen Lillian, die völlig überhitzt und durstig ist, in ihrem Laden hilft und ihr ein Getränk anbietet.

Ein weiterer Protagonist ist die Landschaft. Eine Landschaft, die mal feindlich, mal unglaublich einladend ist. Eine Landschaft, in der sich Lillian sofort wohlfühlt, trotz ihrer immensen Weite und trotz ihrer Tücken. Eine Landschaft, in der man immer einen Weg zum Überleben findet.

Es gibt mehrere spannungsgeladene Momente im Film Lillian. Momente, in denen der Regisseur durch eine durchdachte Musik, durch Einstellungen des immer dunkler werdenden Himmels oder durch Bilder von beunruhigenden Geiern etwas Tragisches erahnen lässt.

Lillian wird also im Laufe der Inszenierung immer brutaler, immer herzzerreißender und verzweifelter. Davon zeugen Bilder von alten Puppen, von denen nur noch der Kopf übrig ist, die die Protagonistin als Abenteuerbegleiter auswählt (ähnlich wie in Robert Zemeckis‘ Cast Away, als Tom Hanks seinen imaginären Freund Wilson bastelt), und von mit Haaren bedeckten Beinen, angesichts der Unmöglichkeit, einen Ort zu finden, an dem man auf sich selbst aufpassen kann.

Ein extremer Spielfilm, Lillian. Ein Spielfilm, in dem es neben einer schwachen Hoffnung und kontemplativen Sequenzen auch zahlreiche Momente der Betroffenheit gibt. Das Ergebnis ist ein Crescendo der Emotionen, das bei solchen Geschichten sehr schwer zu erreichen ist. Doch Andreas Horvath ist das perfekt gelungen. Und auch Ulrich Seidl verstand sofort, wie beeindruckend ein solches Werk sein könnte.

Titel: Lillian
Regie: Andreas Horvath
Land/Jahr: Österreich / 2019
Laufzeit: 130’
Genre: Filmbiografie, Drama
Cast: Patrycja Planik
Buch: Andreas Horvath
Kamera: Andreas Horvath
Produktion: Ulrich Seidl Film Produktion GmbH

Info: Die Seite von Lillian auf iMDb; Die Seite von Lillian auf der Webseite der Austrian Film Commission