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FILM UND WISSENSCHAFT – DIE MEINUNG DER AUTOREN

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Galt der Kinematograph einerseits als wunderbares Mittel, um die Realität nach Belieben darzustellen und zu gestalten, so schien er andererseits wenig Relevanz für einen wirklichen wissenschaftlichen und technischen Fortschritt zu haben. Zahlreiche Debatten über Film und Wissenschaft fanden vor allem vom Ende des neunzehnten bis zum Beginn des zehnten Jahrhunderts statt. Und es waren vor allem die Autoren, die diese Fragen zunächst aufwarfen.

Kitschige Kunst oder lobenswerte Erfindung?

Es liegt in der Natur der Sache, dass jede neue Erfindung zahlreiche Debatten über sie auslöst. Dies war also auch bei der Erfindung des Kinematographen der Fall. Die Filmkunst galt zweifellos als ein wunderbares Mittel, um die Wirklichkeit nach Belieben darzustellen und zu gestalten. Man war jedoch der Meinung, dass sie im Hinblick auf einen echten wissenschaftlichen und technologischen Fortschritt wenig Relevanz haben könnte. Vor allem vom Ende des neunzehnten bis zum Beginn des zehnten Jahrhunderts wurden Film und Fortschritt oft in Frage gestellt: Man fragte sich nach dem Nutzen der siebten Kunst. Und es waren vor allem die Autoren, die diese Fragen zunächst aufwarfen.

Nehmen wir zum Beispiel den Schriftsteller Ernst Lothar. 1948 drehte Karl Hartl Der Engel mit der Posaune, die Verfilmung seines gleichnamigen Romans (1946). Der Autor hat auch am Drehbuch mitgewirkt und seine Frau, die Schauspielerin Adrienne Gessner, hat ebenfalls im Film mitgespielt. Doch Lothar hielt die Filmkunst immer für eine triviale Kunst, die mit anderen Kunstformen nicht zu vergleichen sei. Und wie Lothar waren viele andere Autoren der gleichen Meinung.

Eine weitere erwähnenswerte Episode betrifft den berühmten russischen Schriftsteller Maksim Gor’kij. 1896 sah er einige der ersten Filme an, die von den Brüdern Lumière gedreht wurden. Zweifellos war er von ihnen fasziniert. Er musste einfach nur vor einer riesigen weißen Leinwand sitzen, um Szenen aus dem Alltag, Arbeiter, die eine Fabrik verlassen, eine Gruppe von Spielern oder sogar eine Lokomotive, die in den Bahnhof einfährt, zu sehen. Diese neue Realität war in der Lage, den Zuschauer in eine ganz neue Welt zu bringen, während er einfach in einem Sessel saß. Aber was passierte, als das Licht wieder anging? Kurz gesagt: Die riesige Leinwand, auf der wenige Sekunden zuvor noch so viele Ereignisse stattgefunden hatten, wurde wieder weiß. Plötzlich war alles vorbei. Alles war wieder so, wie es vorher war. Wie konnte die Filmkunst für die Wissenschaft nützlich sein? Laut Gor’kij waren Film und Wissenschaft zwei Welten, die nichts miteinander zu tun hatten. Und viele seiner Kollegen waren der gleichen Meinung.

Doch nicht alle waren dieser Meinung. In Österreich, wo die ersten Filme einige Jahre später als im Rest der Welt produziert wurden, war zum Beispiel der Schriftsteller Max Brod sofort begeistert von dieser außergewöhnlichen neuen Erfindung.

Der Autor ging 1909 zum ersten Mal ins Kino, vierzehn Jahre nach der Erfindung des Kinematographen. Seine Emotionen waren so stark, dass er den Aufsatz Kinematographentheater schrieb, in dem er sich zunächst auf die Beschreibung des Kinosaals, seiner Räume, der Kasse, der Garderobe und sogar der Sitze konzentrierte. Dann widmete er sich endlich der Beschreibung der Filmprojektion und ihrer unglaublichen Magie. In diesem Moment geschah schließlich das Wunder. Plötzlich befand man sich auf den Straßen der Stadt und sah Szenen aus dem Alltag. Oder sogar in Australien. Oder in Chicago, tausende von Kilometern von Wien entfernt. Man konnte Menschen, Straßen, Umgebungen sehen, denen man im Alltag unmöglich begegnen würde. Und das alles geschah einfach in einem kleinen Kinosaal.

Stimmt: Sobald das Licht wieder anging und die Leinwand wieder weiß wurde, war alles vorbei. Und doch war der Wunsch zu sehen, zu erforschen, zu wissen immer sehr stark. Diese neue Erfindung war ,so Max Brod, eine neue Art, die Vorstellungskraft anzuregen, eine neue Art, die Realität nach Belieben zu gestalten und unmögliche dystopische Zukünfte zu imaginieren. Und war das, was ein Filmemacher mit seiner Kamera machte, nicht genauso, wie das, was ein Schriftsteller mit Worten machte? Beide versuchten, Welten zu erschaffen, die der Leser oder der Zuschauer erleben konnte, wenn auch nur für ein paar Minuten. Und so lagen Film und Fortschritt gar nicht so weit auseinander. Film und Fortschritt gingen, so Max Brod, quasi Hand in Hand. Und zum Glück waren viele seiner Kollegen der gleichen Meinung.

Doch diese Debatte sollte noch viele, viele Jahre andauern, bis in die Gegenwart hinein, und sie gibt immer noch Anlass zu vielen gegensätzlichen Meinungen.

Bibliographie: Das tägliche Brennen: eine Geschichte des österreichischen Films von den Anfängen bis 1945, Elisabeth Büttner, Christian Dewald, Residenz Verlag; Von der Gesamtrussischen Ausstellung, Maksim Gor’kij, 1896; Kinematographentheater, Max Brod, 1909
Info: Die Seite von Maksim Gor’kij auf der Webseite der Enciclopedia Treccani; Die Seite von Max Brod auf der Webseite der Enciclopedia Treccani; Die Seite von Ernst Lothar auf Wikipedia