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TYPEN UND SZENEN AUS DEM WIENER VOLKSLEBEN

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von Verschiedene Autoren

Note: 6.5

Typen und Szenen aus dem Wiener Volksleben ist einer der ersten in Österreich produzierten Filme. Trotz eines eher „naiven“ Regieansatzes kann der Film gleichzeitig als Dokumentar- und Spielfilm betrachtet werden. Bei der Viennale 2019, im Rahmen der Louise Kolm-Fleck gewidmeten Retrospektive.

Auf den Straßen von Wien

Wie war das Leben im Wien des frühen 20. Jahrhunderts? Seit der Erfindung des Kinematographen begaben sich sofort zahlreiche Kameraleute der Brüder Lumière und der Produktionsgesellschaft Pathé in die österreichische Hauptstadt (und anderswo), um das Leben dort zu dokumentieren. Doch während in Frankreich die Filmkunst sofort sehr populär wurde, wurden in Österreich die ersten Filme erst einige Jahre später produziert. In dieser Hinsicht gehört Typen und Szenen aus dem Wiener Volksleben – präsentiert anlässlich der Viennale 2019 im Rahmen der Louise Kolm-Fleck gewidmeten Retrospektive, kuratiert vom Filmarchiv Austria – zu den ersten Filmen, die in diesem Land entstanden sind. Produziert wurde der Film von der Filmpionierin Louise Kolm-Fleck, die Leiterin der Österreichisch-ungarischen Kino-Industrie war. Allerdings ist heute nicht bekannt, wer dieses Werk gedreht hat, da auf der uns überlieferten Filmrolle der Vor- und Abspann komplett fehlt.

Dieser Dokumentarfilm wurde von dem inspiriert, was in den Jahren zuvor gemacht worden war und nahm einen Charakter an, der auf halbem Weg zwischen Dokumentar- und Spielfilm lag. Diese Charakterisierung entstand aus einer Mischung von Szenen, die auf der Straße gefilmt wurden (wie zum Beispiel das zarte Bild einer alten Blumenhändlerin, die auf dem Bürgersteig sitzend Blumen verkaufen will) und echten komischen Gags, in denen einige Theaterschauspieler die Rolle von seltsamen Bürgern spielen.

Während also ein junger Mann auf der Straße auf seine Freundin wartet, dokumentieren Szenen, die am Naschmarkt gedreht wurden, Ereignisse, die sich in einem anderen Teil der Stadt abspielen. Und während sich das Publikum von der Fröhlichkeit einiger an einem Tisch in einem Heurigen sitzender Gäste anstecken lässt, versucht ein Betrunkener eine Taverne zu betreten, wird aber von einem Polizisten aufgehalten, der ihn abführt, indem er ihm komisch den Arm nimmt.

All dies geschieht in dem Film Typen und Szenen aus dem Wiener Volksleben. Ein echtes Juwel innerhalb der österreichischen Filmproduktion. Dabei fällt sofort ein rudimentärer Regieansatz auf (die Kamera bewegt sich praktisch nie), vor allem, wenn man bedenkt, dass 1911 auf diesem Bereich im Rest der Welt schon viele Fortschritte gemacht wurden. Aber so ist es. Schließlich hat in Österreich alles sehr spät angefangen. Und trotz allem ist dieses kleine und feine Werk auch dank seiner lustigen und zarten Naivität so angenehm.

Titel: Typen und Szenen aus dem Wiener Volksleben
Regie: Verschiedene Autoren
Land/Jahr: Österreich / 1911
Laufzeit: 6’
Genre: Dokumentarfilm
Cast: Guschelbauer, Luise Montag, Theo Werner, Edi Swoboda
Buch: Verschiedene Autoren
Kamera: Verschiedene Autoren
Produktion: Österreichisch-ungarische Kino-Industrie

Info: Die Seite von Typen und Szenen aus dem Wiener Volksleben auf iMDb; Die Seite von Typen und Szenen aus dem Wiener Volksleben auf der Webseite der Viennale