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MÄDCHEN AM KREUZ

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von Louise Kolm-Fleck und Jakob Fleck

voto:7.5

Louise Kolm-Fleck und Jakob Fleck inszenierten im Film Mädchen am Kreuz das Drama einer jungen Frau auf sensible und persönliche Weise, indem sie sich einfühlsam, aber auch mit der richtigen Distanz in Szene setzten. Und das alles in einer ganz besonderen Situation, die damals nur wenige Menschen wirklich verstehen konnten. Bei der Viennale 2019.

Eine einsame Frau

Die Filmpionierin Louise Kolm-Fleck – der bei der Viennale 2019 eine vom Filmarchiv Austria kuratierte Reihe gewidmet ist – war immer an brennenden Themen interessiert. Dies war sowohl in Österreich als auch in Deutschland der Fall, wohin sie in den 1920er Jahren zusammen mit ihrem zweiten Ehemann Jakob Fleck zog. Der Film Mädchen am Kreuz entstand in dieser zweiten Periode ihrer Karriere (genauer gesagt 1929), nach einem Vertrag mit Hegewald Film und bevor sich das Ehepaar mit dem aufkommenden Nationalsozialismus und seinen Folgen auseinandersetzen musste.

Und doch gab es 1929 noch eine gewisse Freiheit der Meinungsäußerung. Louise Kolm-Fleck und ihr Mann Jakob haben zum Beispiel im Film Mädchen am Kreuz das Thema sexuelle Gewalt auf eine krude, aber auch einfühlsame und poetische Weise behandelt. Ein für die damalige Zeit sehr heißes Thema, das aber dennoch viel Zustimmung beim Publikum und den Kritikern fand.

Der Film erzählt die Geschichte der Studentin Mary (gespielt von Evelyn Holt), die sich kürzlich mit einem Mitschüler verlobt hat und bei ihrem Vater und ihrer Stiefmutter lebt. Eines Tages wird sie plötzlich von einem verliebten Verbrecher angegriffen. Was ist zu tun, wenn die Gesellschaft nicht bereit ist, eine solch heikle Situation zu verstehen?

Louise Kolm-Fleck und Jakob Fleck haben in ihrem Film Mädchen am Kreuz das Drama dieser jungen Frau auf eine zarte und persönliche Weise inszeniert. Dabei ist ihnen die richtige Mischung aus unbeschwerten Momenten und hochdramatischen Szenen gelungen, ohne Angst davor zu haben, zu wagen, zu schockieren oder den Zuschauer zu verletzen.

Es gibt nur wenige Nahaufnahmen von den Hauptfiguren. Und auch was Maria betrifft, sehen wir die Frau nur selten in Großaufnahme. Die Kamera von Herrn und Frau Fleck konzentriert sich jetzt lieber auf die Totale, jetzt auf halbnahe Aufnahmen. Auf diese Weise wirkt sie sofort einfühlsam, aber auch notwendigerweise distanziert in der Inszenierung einer Situation, die nur wenige damals wirklich verstehen konnten. Und die beiden Regisseure sprechen genau die Gesellschaft an. Eine zynische, heuchlerische und moralistische Gesellschaft, die immer bereit ist, über diejenigen zu urteilen, die ungewöhnliche Situationen erleben oder erlebt haben. Und so präsentiert sich der Film Mädchen am Kreuz als eine echte Anprangerung. Ein reifer und sorgfältiger Spielfilm, auch in Bezug auf die Regiearbeit der beiden Filmemacher, der sich aus diesem Grund sehr von ihren früheren Werken (darunter Die Ahnfrau, gedreht 1919 in Österreich) unterscheidet.

Maedchen am Kreuz ist nicht der einzige Spielfilm von ihnen, der sich mit solch brennenden Themen beschäftigt. Man denke zum Beispiel an die Spielfilme Frauenarzt Dr. Schäfer (1928), der die Geschichte eines Arztes erzählt, der sich mit Abtreibungen beschäftigt, oder Das Recht auf Liebe (1929), der das Thema der sexuellen Impotenz behandelt.

Und so erwiesen sich Louise Kolm-Fleck und ihr Mann Jakob auch über die Landesgrenzen hinaus als große Innovatoren. Doch leider gerieten die beiden nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs in ihrer Heimat fast völlig in Vergessenheit. Zumindest bis heute.

Titel: Mädchen am Kreuz
Regie: Louise Kolm-Fleck, Jakob Fleck
Land/Jahr: Deutschland / 1929
Laufzeit: 77’
Genre: Drama, Liebesfilm
Cast: Valerie Boothby, Gertrud de Lalsky, Evelyn Holt, Robert Leffler, Fritz Odemar, Livio Pavanelli, Ernö Verebes, Wolfgang Zilzer
Buch: Marie-Louise Droop
Kamera: Nicolas Farkas
Produktion: Hegewald Film

Info: Die Seite von Mädchen am Kreuz auf der Webseite vom Filmarchiv Austria; Die Seite von Mädchen am Kreuz auf iMDb