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WIENERINNEN – SCHREI NACH LIEBE

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von Kurt Steinwendner

Note: 8

In dem Chorfilm Wienerinnen – Schrei nach Liebezeigt der Regisseur, Maler und Fotograf Kurt Steinwendner ein neorealistisches Fresko eines Wiens, das sich vom Zweiten Weltkrieg zu erholen versucht. Hier verbindet sich die Prekarität der Arbeit auf traurige Weise mit den unmenschlichen Bedingungen der Arbeiter selbst.

Einsame Frauen

Nach einem bemerkenswerten Debütfilm (dem experimentellen Kurzfilm Der Rabe, inspiriert von Edgar Allan Poes gleichnamigem Gedicht und Österreichs erstem Avantgardefilm), ließ sich der Regisseur, Maler, Fotograf und Künstler Kurt Steinwendner von einer anderen filmischen Strömung inspirieren, um seinen zweiten Spielfilm Wienerinnen – Schrei nach Liebe zu inszenieren. Diese filmische Strömung ist der italienische Neorealismus, den Steinwendner in diesem bedeutenden, in vier Kapitel unterteilten Chorfilm nachzubilden versucht.

Vier Episoden, vier Wienerinnen, deren Alltag sich hauptsächlich in den Fabriken der Vorstadt oder auf den Straßen der Randbezirke abspielt. Zentrales Thema: Liebe. Unerwiderte, vereitelte, völlig unmögliche Liebe oder auch Gegenliebe. Es sind die Geschichten von Anni (Elisabeth Stemberger) – verwickelt in eine inzestuöse Liebesbeziehung -, Helene (Edith Prager) – eine junge Puppenspielerin, die unerwidert in einen Musikerkollegen (Karlheinz Böhm) verliebt ist -, Gabriele (Helmi Mareich) – die ihren zu Unrecht des Mordes beschuldigten Freund entlasten muss – und Olga (Margit Herzog) – eine junge Kellnerin, die in eine Beziehung mit einem gewalttätigen Mann verwickelt ist, und die sich in einen netteren Kapitän verlieben wird.

Im Film Wienerinnen – Schrei nach Liebe zeigt Kurt Steinwendner ein Fresko eines Wiens, das sich nur schwer vom Zweiten Weltkrieg erholt. Hier verbindet sich die Prekarität der Arbeit auf traurige Weise mit den unmenschlichen Bedingungen der Arbeiter selbst. Gleichzeitig sehen wir eine zerstörte Stadt, die aber langsam wieder aufgebaut wird, obwohl sie immer noch von bröckelnden Gebäuden umgeben ist. Ebenso repräsentiert das Fehlen von Liebe und die ständige Suche danach gut das Bedürfnis nach emotionaler Sicherheit, das in den vergangenen Jahren fehlte.

Das wird dargestellt durch Nah- und Großaufnahmen verzweifelter Frauen, durch Momente, die Cesare Zavattinis Theorien nachstellen, durch karge Bühnenbilder und durch eine Schulterkamera, die sich hektisch bewegt, als würde auch sie verzweifelt nach etwas suchen. Genau wie die Protagonistinnen.

Kurt Steinwendner scheut sich nicht, in Wienerinnen – Schrei nach Liebe zu übertreiben. Er scheut sich nicht, heikle Themen wie Inzest oder Prostitution anzusprechen, und er scheut sich auch nicht, mit der Kamera zu „spielen“, sie zu bewegen und umzuwerfen, um den Zuschauer zu verwirren und zu schockieren.

Und so ist Wienerinnen – Schrei nach Liebe ein seltener Film innerhalb der österreichischen Filmproduktion. Doch ein Spielfilm, der sich (fast) zum ersten Mal mit dem Thema Armut beschäftigte, konnte durchaus „unangenehm“ sein. Gleichzeitig war das Publikum nicht daran gewöhnt, solche Filme anzusehen, und so hatte der Film trotz seines historischen und künstlerischen Wertes damals keinen Erfolg. Zum Glück war das im Ausland anders. Das ist aber eine andere Geschichte.

Titel: Wienerinnen – Schrei nach Liebe
Regie: Kurt Steinwendner
Land/Jahr: Österreich / 1952
Laufzeit: 96’
Genre: Drama, Chorfilm
Cast: Maria Eis, Elfe Gerhart, Heinz Moog, Hans Putz, Rolf Wanka, Elisabeth Stemberger, Margit Herzog, Helmi Mareich, Weltner Anni, Hilde Rom, Ellen Umlauf, Hans Lazarowitsch, Kurt Jaggberg, Rudolf Rhomberg, Rudolf Rösner, Wolfgang Hutter, Michael Toost, Florl Leitner, Emmerich Arleth, Karlheinz Böhm, Edith Prager, Kurt Sobotka
Buch: August Rieger, Kurt Steinwendner
Kamera: Elio Carniel, Walter Partsch
Produktion: Schönbrunn-Film

Info: Die Seite von Wienerinnen – Schrei nach Liebe auf iMDb; Die Seite von Wienerinnen – Schrei nach Liebe auf film.at