liebe-2012-haneke-kritik

LIEBE

      Keine Kommentare zu LIEBE

This post is also available in: Italiano (Italienisch)

von Michael Haneke

Note: 9

In Michael Hanekes Film Liebe (Goldene Palme bei den Filmfestspielen von Cannes 2012 und Oscar für den besten fremdsprachigen Film 2013) gibt es keinen Platz für Überlegungen zur Gesellschaft. Hier gibt es keinen Platz für die inneren Qualen talentierter Pianistinnen, für Familien in der Krise oder für Verbrecher mit weißen Handschuhen. Jetzt muss man sich auf eines der reinsten und komplexesten Gefühle konzentrieren.

Für immer

Welche Formen kann wahre Liebe annehmen? Und vor allem: Wohin kann sie führen? Eine Antwort auf diese komplexe Frage hat Michael Haneke, der wohl über die Landesgrenzen hinaus bekannteste österreichische Regisseur, mit seinem Film Liebe versucht, der bei den Filmfestspielen von Cannes 2012 im Wettbewerb lief (und dort die Goldene Palme gewann) und 2013 mit dem Oscar für den besten fremdsprachigen Film ausgezeichnet wurde (der zweite Oscar für Österreich nach dem Sieg von Die Fälscher von Stefan Ruzowitzky im Jahr 2007).

Eine Koproduktion zwischen Österreich, Frankreich und Deutschland, mit einer exzellenten Besetzung, darunter die großartigen Jean-Louis Trintignant und Emmanuelle Riva und die hervorragende Isabelle Huppert, die bereits mit Haneke in dem Film Die Klavierspielerin (2001) gearbeitet hatte.

Eine große Liebesgeschichte und eine lange Ehe, die leider nicht immun ist gegen den Lauf der Zeit, gegen Krankheit und vor allem gegen das Alter. Eine Liebe, die gleichzeitig stärker und solider erscheint als je zuvor. Dies ist die Geschichte von Georges (Trintignant) und Anne (Riva), zwei pensionierten Musiklehrern, deren Leben sich unwiderruflich verändert, als Anne einen Schlaganfall erleidet. Infolgedessen wird sich ihre Krankheit zwangsläufig verschlimmern.

Dies ist eines der intimsten Themen, die Haneke je behandelt hat, der sich im Laufe seiner langen und produktiven Karriere nicht nur durch seinen charakteristischen Regieansatz, sondern auch durch eine Art Pessimismus bei der Charakterisierung der heutigen Gesellschaft ausgezeichnet hat. Und doch, im Film Liebe, ändern sich die Dinge. Und sie ändern sich stark.

Hier gibt es keinen Platz für lange Überlegungen zur Gesellschaft. Kein Platz für die inneren Qualen talentierter Pianistinnen, für Familien in der Krise oder für Verbrecher mit weißen Handschuhen. Jetzt muss man sich auf eines der reinsten und komplexesten Gefühle konzentrieren. Die Geschichte von Georges und Anne wird in einem ihrer heikelsten Momente inszeniert, als sie sich traurig ihrem Ende zu nähern scheint. Oder nicht?

Ein weiterer Protagonist von Liebe ist die Wohnung, in der das Paar seit mehr als fünfzig Jahren lebt. Eine Wohnung, die eine stumme Zeugin vieler Geheimnisse ist, eine hilflose und respektvolle Zuschauerin dessen, was darin geschieht. Für weitere Drehorte gibt es im Film Liebe keinen Platz, außer für kurze Außenszenen und eine Anfangsszene im Theater. Alles passiert in der Wohnung der beiden Protagonisten. Und so zeigt uns die Kamera, wenn sie nicht auf ihre Großaufnahmen oder auf ihre Gesten fokussiert, stillschweigend die – mal bewohnten, mal leeren – Räume der Wohnung. Oft sind die Dialoge hinter verschlossenen Türen zu hören. Und so spielt Haneke auch hier mit dem Off und lässt uns nur erahnen, was sich fernab unserer Augen abspielt. Und das mit einem starken Gefühl von Respekt. Ein Respekt, der Hand in Hand mit einem starken Bedürfnis nach Vertraulichkeit geht. Wie wenn Georges seine Tochter bittet, mit seiner Frau allein gelassen zu werden, als wolle er bewachen, was von ihrem wertvollen gemeinsamen Leben noch übrig ist.

Haneke überrascht uns immer wieder. Und diesmal hat er den Höhepunkt seines Werkes kurz vor dem Ende gesetzt. Ein Höhepunkt, der fast unerwartet eintrifft, auch wenn ihm ein langer Monolog vorausgeht, der bevorstehende Wende vorwegnimmt. Ein schmerzhafter, aber auch unglaublich voller Liebe Höhepunkt. Ein Höhepunkt, der schockiert und bewegt. Die Inszenierung einer Liebe, die keine Virtuosität braucht, um zu vermitteln, wie stark sie ist.

Was bleibt am Ende von Liebe übrig? Was bleibt, ist ein tiefes Gefühl der Leere und Traurigkeit, das bald mit der Gewissheit gefüllt wird, dass wahre Liebe niemals stirbt. Auch wenn das, was übrig bleibt, eine große, völlig leere Wohnung ist.

Titel: Liebe
Regie: Michael Haneke
Land/Jahr: Österreich, Frankreich, Deutschland / 2012
Laufzeit: 127’
Genre: Drama, Liebesfilm
Cast: Jean-Louis Trintignant, Emmanuelle Riva, Isabelle Huppert, Alexandre Tharaud, William Shimell, Ramon Agirre, Rita Blanco, Suzanne Schmidt
Buch: Michael Haneke
Kamera: Darius Khondji
Produktion: Les Films du Losange, X-Filme Creative Pool, Wega Film, France 3 Cinéma, ARD Degeto Film, Bayerischer Rundfunk, Westdeutscher Rundfunk

Info: Die Seite von Liebe auf iMDb; la Facebook-Seite von Liebe