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WORT UND BILD – DER ÖSTERREICHISCHE FILM DER 20ER JAHRE

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Auch heute noch wird ein Film oft von einem literarischen Text inspiriert, wenn er gedreht wird. Und in Österreich war die Verschmelzung von Wort und Bild seit den Anfängen des österreichischen Films eine besonders verbreitete Praxis. Aber um dieses Phänomen besser zu verstehen, ist es notwendig, ein paar Schritte in der Zeit zurückzugehen.

Der Fall des Films „Der Rosenkavalier“

Auch heute noch wird ein Film oft von einem literarischen Text inspiriert, wenn er gedreht wird. Und in Österreich war die Verschmelzung von Wort und Bild seit den Anfängen des österreichischen Films eine besonders verbreitete Praxis. Aber um dieses Phänomen besser zu verstehen, ist es notwendig, ein paar Schritte in der Zeit zurückzugehen.

Seit die Brüder Lumière den Kinematographen erfunden haben, ist das Publikum so fasziniert von ihm, dass es schnell „bilderhungrig“ wird. Der Schriftsteller Hugo von Hoffmanstahl schrieb diesbezüglich: „Die Menschen sind verständlicherweise müde, den Worten zuzuhören. Jetzt ist es an der Zeit, dass sie endlich den Bildern Platz machen“. Wie zutreffend war diese Aussage? Die Antwort kam bald.

Was die Menschen laut Hoffmanstahl jeden Abend im Kino suchten, war die Möglichkeit, eine völlig neue Situation zu erleben, indem man einfach in einem bequemen Sessel saß. Und das konnte nur in einer Großstadt geschehen, denn in den Vorstädten gab es noch keine Kinos.

Diese perfekte Verschmelzung von Wort und Bild geschah, so der Autor, besonders im Film Metropolis, Fritz Langs Meisterwerk von 1926, in dem eine ganz eigene in einer dystopischen Zukunft angesiedelte Welt rekonstruiert wurde.

Da Hoffmanstahl ein großes Interesse an der Filmwelt hatte, begann er bald mit der Mitarbeit an einem Spielfilm. Dies geschah 1923, als die Pan-Film (damals in einer finanziellen Krise) Hoffmanstahl beauftragte, Strauss‘ berühmte Oper Der Rosenkavalier zu adaptieren. Diese Operation wurde von der Pan-Film offensichtlich zur Steigerung der Einnahmen konzipiert, und am Projekt waren auch Richard Strauss – verantwortlich für die Musik – und der deutsche Regisseur Robert Wiene beteiligt, der kurz zuvor das expressionistische Meisterwerk Das Cabinet des Dr. Caligari gedreht hatte und insgesamt sechs Filme in Österreich drehte.

Offensichtlich war diese Arbeit ziemlich kompliziert. Die von Hoffmanstahl ursprünglich konzipierte Mischung aus Wort und Bild stieß auf viele Hindernisse. Der Autor hat nämlich versucht, die Protagonisten aus psychologischer Sicht so gut wie möglich zu charakterisieren. Dieser Vorschlag begeisterte jedoch weder die Pan-Film noch Wiene, die eine Inszenierung bevorzugten, in der die Bilder – auch durch die Bühnenbilder von Ludwig Nerz unterstrichen – über die Worte dominierten. Und doch war der Spielfilm trotz allem ein Erfolg.

So kam es, dass Hoffmanstahl nach der Premiere einen freundlichen Brief an Wiene schrieb, in dem er ihm mitteilte, wie erfolgreich seine Regieentscheidungen gewesen seien.

Zwei Jahre später wurde der Autor jedoch erneut enttäuscht, denn die Pan-Film bezahlte ihn nur dafür, dass er dem Projekt seinen Namen geliehen hatte, vergaß aber seinen künstlerischen Beitrag. Und so wurde die Mischung aus Worten und Bildern bald von einer Mischung aus Musik und Bildern abgelöst. In dieser Hinsicht war die Anwesenheit von Strauss bei der Premiere in Dresden, wo er die Musik selbst dirigierte, ein großer Erfolg. Das Publikum war begeistert. Die Kritiker auch. Und so wurde die wirtschaftliche Krise des österreichischen Films endgültig überwunden.

Heute existieren leider nur noch die ersten fünf Spulen des Films. Das Ende der sechsten Spule ist unwiederbringlich verloren gegangen. Dennoch kann man die große Sorgfalt schätzen, mit der der Film gemacht wurde. Wienes Regie charakterisiert gut die Gefühle der jungen Marschalin und ihres Geliebten Oktavian. Und die Kamera scheint so nah wie nötig an den Protagonisten zu sein. Ein Regieansatz, der sich auf den Kontrast zwischen Innerlichkeit und Äußerlichkeit konzentriert. Ein Kontrast, der irritiert und amüsiert zugleich, und der durch einen feinen Schnitt und durch Innen- und Außenorte unterstrichen wird. Eine gute Mischung aus Komik und Sarkasmus.

Ist der arme Hugo von Hoffmanstahl also völlig ins Abseits geraten? Keineswegs: Sein Beitrag zu dieser Mischung aus Worten und Bildern hat zweifellos dazu beigetragen, dass sich das Publikum in diese reizvolle zeitlose Geschichte hineinversetzen konnte.

Bibliographie: Das tägliche Brennen: eine Geschichte des österreichischen Films von den Anfängen bis 1945, Elisabeth Büttner, Christian Dewald, Residenz Verlag
Info: Die Seite von Der Rosenkavalier auf iMDb