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MURER: ANATOMIE EINES PROZESSES

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von Christian Frosch

Note: 8

In dem Film Murer: Anatomie eines Prozesses zeigt Christian Frosch, indem er den Prozess gegen den Nationalsozialisten Franz Murer inszeniert, mit dem Finger auf seine Nation und auf die damalige und heutige österreichische Gesellschaft.

Die Vergangenheit schmerzt immer noch

Im Vergleich zu Deutschland werden in Österreich meist weniger Filme über den Holocaust und seine Folgen produziert. Doch unter diesen wenigen Filmen gibt es zweifelsohne einige, die es wert sind, erwähnt zu werden. Das ist der Fall bei dem erfolgreichen Die Fälscher (Stefan Ruzowitzky, 2007), dank dem Österreich seinen ersten Oscar gewonnen hat, und es ist auch der Fall bei dem Film Murer: Anatomie eines Prozesses, der von Cristian Frosch inszeniert wurde und beim Festival Sotto le Stelle dell’Austria 2019 seine italienische Premiere hatte.

Auch diese Geschichte ist daher bis heute den meisten fast unbekannt. Es ist die Geschichte des Nationalsozialisten Franz Murer (gespielt von einem hervorragenden Karl Fischer), der den Spitznamen „der Schlächter von Wilna“ trägt. Der Mann wurde nach einer Haftzeit in Russland erst 1963 dank der Ermittlungen von Simon Wiesenthal (Karl Markovics) in Graz vor Gericht gestellt (und ungestraft entlastet).

Indem er mit dem Finger auf sein Land und auf die österreichische Gesellschaft zeigt, hat Christian Frosch seinen Film Murer: Anatomie eines Prozesses zu einem Spielfilm gemacht, der sich ganz auf den langen Prozess gegen Franz Murer konzentriert, in dem im Laufe der Inszenierung die unvorstellbarsten Ereignisse entdeckt werden.

Signifikante Nahaufnahmen von Gegenständen und Gesten (von der Vorbereitung von Papiere bis zum Abstauben des Kruzifixes im Gerichtssaal) vermitteln einen guten Eindruck von der Umgebung, in der wir uns befinden. Und Christian Frosch hat es geschafft, jede einzelne Figur zu charakterisieren, ohne an einfache Emotionen zu appellieren, sondern es gelingt ihm, die Kälte und den Zynismus der Menschen und der Institutionen herauszuarbeiten. Vor Gericht gestellt wird also (fast) jede einzelne Figur. Und der Diskurs wird sofort aktuell durch eine Wiederholung der Geschichte, die kein Ende zu haben scheint.

Ein überbelichtetes, fast blendendes Licht ist der Protagonist in den Außenszenen, ein Symbol für die Unmöglichkeit (und den mangelnden Willen), die Wahrheit zu entdecken. Franz Murer seinerseits schweigt fast immer. Es sind die Nebenfiguren, die eine Vorstellung davon geben, was der Regisseur auf die Bühne bringen wollte: Eine Jury, deren einzige Sorge das Essen zu sein scheint (viel weniger zum Nachdenken geneigt als im Film Die zwölf Geschworenen, Sidney Lumets eingangs erwähntem Meisterwerk), und die Frau des Protagonisten, die am Ende des Prozesses nur wissen will, ob ihr Mann sie in der Vergangenheit betrogen hat.

In Murer: Anatomie eines Prozesses wird alles bis ins kleinste Detail untersucht. Frosch seinerseits hat etwas Neues geschaffen, das durch seine Fähigkeit auffällt, die vielen erzählerischen unerwarteten Kehrseiten perfekt zu inszenieren. Das Endergebnis ist mehr als zufriedenstellend, auch dank eines Drehbuchs mit sehr wenigen Drehorten und häufigen Dialogen. Und gerade in diesen Momenten stechen die Interpretationen der exzellenten Besetzung hervor, die dem berühmteren Nürnberg – Im Namen der Menschlichkeit (Yves Simoneau, 2000) nichts nachstehen muss.

Und obwohl Cristian Frosch bereits eine besonders produktive und vielfältige Karriere vorweisen kann, ist sein Film Murer: Anatomie eines Prozesses als eines seiner wichtigsten Werke zu betrachten. Bis heute jedenfalls.

Titel: Murer: Anatomie eines Prozesses
Regie: Christian Frosch
Land/Jahr: Österreich, Luxemburg / 2018
Laufzeit: 110’
Genre: Drama, Historienfilm
Cast: Karl Fischer, Alexander E. Fennon, Melita Jurisic, Ursula Ofner, Karl Markovics, Gerhard Liebmann, Roland Jaeger, Doval’e Glickman, Rainer Wöss, Robert Reinagl, Harvey Friedman, Erni Mangold, Franz Buchrieser, Ariel Nil Levy, Susi Stach, Heinz Trixner
Buch: Christian Frosch
Kamera: Frank Amann
Produktion: Paul Thiltges Distributions, Prisma Film

Info: Die Seite von Murer: Anatomie eines Prozesses auf iMDb