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MENSCHENFRAUEN

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von VALIE EXPORT

Note: 7

VALIE EXPORT, geborene Waltraud Lehner, lässt sich in dem Film Menschenfrauen von dem inspirieren, was in der Vergangenheit erreicht wurde, um etwas Neues zu schaffen, ohne Angst zu experimentieren. Im Mittelpunkt: Die Figur der Frau in all ihren Facetten.

Frauen am Rande des Nervenzusammenbruchs

Was hat uns der Spielfilm Menschenfrauen zu sagen? Die Regisseurin zeigte sofort klare Absichten. Zeitgenössische Künstlerin, Fotografin, Feministin und seit Ende der sechziger Jahre auch Regisseurin, VALIE EXPORT (der Name, in Großbuchstaben geschrieben, ist inspiriert von einer Zigarettenmarke), geborene Waltraud Lehner, hat sofort Spaß am „Spielen“ mit der siebten Kunst, ohne Angst zu experimentieren. Das war bei ihrem Debütfilm Splitscreen – Solipsismus (1968) der Fall, und es gilt auch für ihre späteren Werke. Im Zentrum seiner Filmografie (vor allem bei den Filmen, die nach Mitte der siebziger Jahre entstanden sind): Die Figur der Frau. Von besonderer Bedeutung ist in diesem Zusammenhang der interessante Spielfilm Menschenfrauen (1979). In diesem Chorfilm wird die Frau in allen möglichen Facetten in vier Liebesgeschichten inszeniert.

In einem scheinbar endlosen Karussell werden die Geschichten von Petra (Christiane von Aster), Elisabeth (Renée Felden), Gertrud (Maria Martina) und Anna (Susanne Widl) inszeniert. Was haben diese Frauen gemeinsam? Die gleiche große Liebe: Der Playboy Franz (Klaus Wildbolz). Er ist ein kindlicher Mann, der, obwohl er mit Anna verheiratet ist, ständig auf der Suche nach neuen Beziehungen ist. Viele Liebesworte, viele leidenschaftliche Sätze, so viele, viele Frauen. Aber wohin wird das alles führen?

In diesem wichtigen Spielfilm ließ sich VALIE EXPORT von dem inspirieren, was in der Vergangenheit gemacht wurde (es ist unmöglich, nicht an François Truffauts Der Mann, der die Frauen liebte oder Marco Ferreris Affentraum zu denken, die respektive zwei Jahre und ein paar Monate vor Menschenfrauen entstanden), während sie gleichzeitig etwas völlig Neues schuf.

Die Persönlichkeiten der Protagonistinnen werden nicht nur durch ihre Geschichten, sondern auch durch häufige Rückblenden dargestellt. Diese Rückblenden werden mit Hilfe von blau gewordenen Schwarz-Weiß-Filmen gemacht, die alle als Bilder in alten Fernsehgeräten dargestellt werden. Und so werden uns neben den Geschichten der Protagonistinnen auch ihre Träume und ihre schrecklichsten Albträume gezeigt, darunter der Wunsch der Elisabeth, ein eigenes Zimmer zu haben, und das Geschenk von Franz an seine Frau Anna: Einen Sack voller Exkremente.

Dank eines feinen Schnitts überlagern sich Männerstimmen mit Frauenstimmen, Split Screens betonen die Parallelen zwischen Männern und Frauen, und verknüpfte Szenen beobachten Ehekrisen mit Distanz und resigniertem Zynismus. Und all das macht Menschenfrauen zu einem narrativen und anti-narrativen Film zugleich.

Das Hauptthema dieses Spielfilms ist eine wütende Anprangerung der ungerechten Bedingungen, denen Frauen unterworfen sind. Die Protagonistinnen können sich im Falle einer Scheidung nicht um ihre Kinder kümmern, sie müssen Schwangerschaften alleine austragen, sie werden von ihren Arbeitgebern gedemütigt (besonders bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang die Figur der Gertrud, die den gleichen Nachnamen wie die Regisseurin, Lehner, trägt). Nicht zuletzt mangelt es auch nicht an „gewöhnlichen“ Gewalttaten, wie in einer nächtlichen Szene mitten im Stephansplatz geschehen.

Was den Film Menschenfrauen trotz der Dramatik der Inszenierung auszeichnet, ist vor allem eine leichte Ironie, die fast an die Filme von John Waters erinnert und die vor allem durch den als Kontrapunkt fungierenden Lied Bananen Zitronen erreicht wird.

Dass Menschenfrauen ein komplexer Film ist, steht fest. Vor allem wegen des experimentellen Regieansatzes von VALIE EXPORT. Dennoch muss man die unbestrittene historische Bedeutung des vorliegenden Spielfilms anerkennen. Ein Film, der lebendig, pulsierend und verwirrend ist, wie es nur die Werke der Linzer Künstlerin sein können.

Titel: Menschenfrauen
Regie: VALIE EXPORT
Land/Jahr: Österreich, Deutschland / 1979
Laufzeit: 113’
Genre: Liebesfilm, Drama, Experimentalfilm
Cast: Renée Felden, Maria Martina, Susanne Widl, Klaus Wildbolz, Christiane von Aster, Peter Janisch, Gerd Weger, Lukas Resetarits, Franz Schuh, Hilde Pilz, Kurt Kautek
Buch: Peter Weibel, VALIE EXPORT
Kamera: Wolfgang Dickmann, Karl Kases
Produktion: Zweites Deutsches Fernsehen, Satel Fernseh-und Filmproduktionsges. GmbH, VALIE EXPORT

Info: Die Seite von Menschenfrauen auf filmportal.de