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LOUISE, JESSICA, BARBARA – ÖSTERREICHISCHE REGISSEURINNEN VON GESTERN UND HEUTE

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Wenn man auf die Filmgeschichte zurückblickt, kann man nicht umhin, die große Anzahl österreichischer Regisseurinnen zu bemerken, die dazu beigetragen haben (und immer noch beitragen), eine immer reichere und vielfältigere Filmographie zu schaffen, die zwar nicht sehr bekannt, dafür aber unglaublich vielfältig und voller Überraschungen ist.

Am Anfang gab es Louise Kolm-Fleck…

Wenige Tage nach der offiziellen Pressemitteilung der Filmfestspiele von Cannes 2019 freuen wir uns, dass Jessica Hausner (mittlerweile auf dem renommierten französischen Filmevent zu Hause) mit ihrem Film Little Joe im Wettbewerb präsent ist. In der Erwartung ihr neuestes Werk sehen zu können, liegt es nahe, über die große Zahl zeitgenössischer und ehemaliger österreichischer Regisseurinnen nachzudenken, die dazu beigetragen haben (und immer noch beitragen), eine immer reichhaltigere und vielfältigere Kinematographie voller Überraschungen zu schaffen.

Am Anfang stand also Louise Kolm-Fleck, die nach der Französin Alice Guy-Blanché als die zweite bedeutende Regisseurin der Geschichte und als eine der wichtigsten Pionierinnen der siebten Kunst gilt. Besonders spezialisiert – während ihrer ständigen Zusammenarbeit mit ihrem Ehemann Jacob Fleck – auf Komödien, Melodramen und Umsetzungen bekannter Theaterstücke (hier z.B. die 1919 entstandene Verfilmung von Die Ahnfrau, einem berühmten Stück von Franz Grillparzer, die kürzlich anlässlich der Diagonale 2019 gezeigt wurde), hatte die Regisseurin ein ebenso produktives wie ungemein turbulentes Leben. Man denke nur an die Zeit des Exils, das sie mit ihrem Mann während des Zweiten Weltkriegs in Japan verbrachte. Als Gründerin oder jedenfalls als eine der Säulen bekannter Produktionsfirmen der ersten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts (wie der Wiener Kunstfilm und der Vita Film) hat Louise Kolm-Fleck bis zu ihrem Tod 1950 nicht weniger als 53 Filme mit ihrem Mann gedreht und darüber hinaus 129 produziert.

Nach ihr haben sich viele auf den Film spezialisiert, insbesondere auf Dokumentarfilme, auf das Coming-of-Age-Genre (ein Genre, in dem Österreich derzeit nach Frankreich an zweiter Stelle steht) und sogar auf das psychologische Horror-Genre.

Wenn nämlich auf der einen Seite die Künstlerin und Performerin VALIE EXPORT (Menschenfrauen, Die Praxis der Liebe, Unsichtbare Gegner) zusammen mit österreichischen Journalistinnen, Autorinnen und Regisseurinnen vom Kaliber einer Ruth Beckermann (Die papierene Brücke, Homemad(e), American Passages) und Mirjam Unger (Speak Easy, Vienna’s lost Daughters), die zunächst die dokumentarische Sprache bevorzugten, gibt es auch einige Künstlerinnen, die sich entschieden haben, jede auf ihre Weise, die schwierige und kontroverse Welt der Jugendlichen im schmerzhaften Übergang von der Kindheit zum Erwachsensein zu erzählen. Mirjam Unger selbst zum Beispiel hat sich in letzter Zeit entschieden, Kindheit und Jugend auf ihre Weise in einer Reihe von Filmen zu inszenieren, die ihren Höhepunkt in dem erfolgreichen Film Maikäfer flieg (2016) erreichten.

Meisterin im Erzählen dieser schwierigen Zeit ist also auch Jessica Hausner selbst – die uns, bevor sie einen kritischen und ausgesprochen nüchternen Gesellschaftsdiskurs unternahm, in Flora (1995) und Lovely Rita (2001) großartige Protagonistinnen bescherte. Von besonderer Bedeutung ist auch die Regisseurin Barbara Albert (ihr Nordrand (1999) zählt wohl zu den wichtigsten Arbeiten, die dieses erfolgreiche Genre in Österreich initiiert haben), sowie die vielversprechende Katharina Mückstein, die bereits mit den wertvollen Filmen Talea (2013) und L’Animale (2018) zusammen mit der jungen Sophie Stockinger (ihre Lieblingsschauspielerin) ins Rampenlicht getreten ist – Sudabeh Mortezai – ausgezeichnet in Venedig 2018 mit ihrem Film Joy – Monja Art (Siebzehn, 2017) und nicht zuletzt die junge Sara Fattahi, die dank des Dokumentarfilms Chaos den Publikumspreis der Diagonale 2019 gewonnen hat.

Es gibt viele österreichische Regisseurinnen, die im Bereich des Kinos besonders aktiv sind, und (fast) alle von ihnen sind bemerkenswert. Das Problem besteht jedoch immer darin, eine Finanzierung und eine konsequente Sichtbarkeit zu finden. Vor allem, wenn man noch nicht berühmt ist. Das ist ein besonders heikles Thema, nicht nur für Regisseurinnen, sondern für alle jungen Menschen, die ihre ersten Schritte in der Welt der siebten Kunst machen wollen. Aber Österreich leistet seinen Beitrag dank einer Politik, die jedes Jahr eine ganze Reihe von Debütfilmen fördert. Das zeigt sich auch in der großen Produktvielfalt der Filmindustrie. Eine Kinematographie, die jedes Jahr, auf die eine oder andere Weise, immer voller unerwarteter Überraschungen ist.

Während wir also auf die Weltpremiere von Jessica Hausners Little Joe warten, freuen wir uns auf den vielversprechenden Film The Lodge, den dritten Spielfilm (nach Kern von 2012 und Ich seh ich seh von 2014) von Veronika Franz und von ihrem jungen Neffen Severin Fiala. Und wehe dem, der sagt, dass der Film dieser Nation nichts zu bieten hat, angesichts unserer vielen, begabten und „kämpferischen“ österreichischen Regisseurinnen.

Info: Die Seite von Ruth Beckermann auf iMDb; Die Webseite von Mirjam Unger; Die Seite von Jessica Hausner auf iMDb; Die Seite von Barbara Albert auf iMDb; Die Seite von Louise Kolm-Fleck auf iMDb