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DER SIEBENTE KONTINENT

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von Michael Haneke

Note: 8

In Der siebente Kontinent, dem Debütfilm von Michael Haneke, werden wir Zeugen des fortschreitenden und plötzlichen Zerfalls der zeitgenössischen bürgerlichen Familie. Gewalt ist allgegenwärtig, wird aber nie wirklich vor der Kamera dargestellt. Und dies ist ein ständiges Thema in Michael Hanekes Filmografie.

Als Michael Haneke schon Michael Haneke war

Bei den 42. Filmfestspielen von Cannes wurde in der Directors‘ Fortnight Der siebente Kontinent präsentiert, der erste Spielfilm eines Regisseurs, der in Österreich schon viele gute Fernsehfilme gemacht hatte.Die Rede ist von Michael Haneke, der in den folgenden Jahren zu einem der bekanntesten Vertreter des zeitgenössischen österreichischen Films werden sollte. Und so begann mit dem Film Der siebente Kontinent die Trilogie der emotionalen Vergletscherung, zu der auch Benny’s Video (1992) und 71 Fragmente einer Chronologie des Zufalls (1994) gehören. Diese Trilogie zeichnete sich sofort durch ihre schonungslose Aufrichtigkeit aus, mit der sie die heutige Gesellschaft bis ins kleinste Detail charakterisiert.

Heutzutage haben viele Menschen die Möglichkeit gehabt, den berühmten österreichischen Filmemacher kennenzulernen, obwohl nicht jeder die Chance hatte, seine frühen Werke anzusehen. Doch schon in diesen ersten Filmen können wir die wichtigsten Merkmale seines Films erkennen.

Vor einigen Jahren beging eine ganze Familie Selbstmord. Der Fall wurde jedoch nie aufgeklärt. Und Der siebente Kontinent, der von dieser Zeitungsgeschichte inspiriert ist, ist der Schauplatz für Georg (Dieter Berner), seine Frau Anna (Birgit Doll) und ihre kleine Tochter Evi (Leni Tanzer). Ihr Leben ist monoton und langweilig, ihre Aktionen sind fast automatisch. Niemand achtet darauf, was sie eigentlich tun. Dies wird sowohl durch die Aufteilung in drei Akte (in denen sich die Rituale des Alltags auf übertrieben mechanische, fast manische Weise wiederholen) als auch durch die Kameraeinstellungen besonders gut wiedergegeben. Und die Kamera gibt den Gegenständen sofort große Bedeutung: Der Zuschauer muss lange warten, bis er den Protagonisten ins Gesicht schauen kann. Eine Existenz, in der die Einsamkeit die Hauptrolle spielt. Dieselbe Einsamkeit, die die junge Evi dazu trieb, so zu tun, als sei sie blind, um Mitleid (und Zuneigung) von Mitschülern und Lehrern zu bekommen.

Hanekes Stil ist auch in diesem Spielfilm leicht zu erkennen. Das beweisen die zahlreichen Elemente aus dem Off (darunter eben auch die Protagonisten selbst, von denen wir zunächst nur die Stimmen hören) sowie eine beunruhigende Alltäglichkeit, die etwas Schreckliches ahnen lässt. Der siebente Kontinent hat ein detailliert ausgearbeitetes Drehbuch. Das anfängliche Gleichgewicht wird durch ein Ereignis (den Tod der Mutter der Protagonistin) gestört, das wir nicht sehen, da es bereits geschehen ist, als die Geschichte beginnt. Dieses Ereignis führt zu einem echten existenziellen Zusammenbruch. Ein Zusammenbruch, der trotz des Traums von der Flucht in die Ferne (in diesem Fall nach Australien) den Protagonisten keine Chance lässt.

Was wir hier beobachten, ist der fortschreitende und plötzliche Zerfall der zeitgenössischen bürgerlichen Familie. Genau wie in den Werken von Arthur Schnitzler. Gewalt ist hier zwar allgegenwärtig, wird aber nie wirklich vor unseren Augen dargestellt. Ein konstantes Thema in Michael Hanekes Filmografie, das nicht nur in der erwähnten Trilogie, sondern auch in dem Film Happy End (2017) präsent ist. Interessant ist in diesem Zusammenhang die Tatsache, dass beide Kinder den gleichen Namen haben: Evi in Der siebente Kontinent, Eve in Happy End. Und beide entpuppten sich als die menschlichsten Charaktere in Spielfilmen, in denen es nur sehr wenig Menschliches gibt. Ist es nur ein Fall?

Titel: Der siebente Kontinent
Regie: Michael Haneke
Land/Jahr: Österreich / 1989
Laufzeit: 104’
Genre: Drama
Cast: Birgit Doll, Dieter Berner, Leni Tanzer, Udo Samel, Silvia Fenz, Robert Dietl, Elisabeth Rath, Georges Kern, Georg Friedrich
Buch: Michael Haneke, Johanna Teicht
Kamera: Anton Peschke
Produktion: Wega Film

Info: Die Seite von Der siebente Kontinent auf iMDb