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FRITZ LANG UND MICHAEL HANEKE – DAS BEUNRUHIGENDE OFF

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Fritz Lang und Michael Haneke. Zwei Regisseure, die beide aus Österreich kommen, die aber scheinbar wenig gemeinsam haben. Allerdings nur zum Schein.

Alles begann in Düsseldorf…

Fritz Lang und Michael Haneke. Zwei Regisseure, die beide aus Österreich kommen, die aber scheinbar wenig gemeinsam haben. Allerdings nur scheinbar. Lang hat nämlich vor allem in Deutschland und den Vereinigten Staaten gearbeitet und immer wieder mit neuen Techniken der Filmsprache experimentiert (darunter zum Beispiel die Off-Screen-Technik). Haneke, der seit einigen Jahren in Frankreich arbeitet, hat sich von dieser Technik inspirieren lassen und einen ganz persönlichen und unverwechselbaren Stil geschaffen. Um dies bestmöglich zu analysieren, ist es jedoch notwendig, in der Zeit zurück zu gehen.

Es ist 1924. Die Western Electric hatte gerade eine Möglichkeit erfunden, Ton und Bild zu synchronisieren. So konnten endlich Tonfilme gedreht werden. Und das geschah zum ersten Mal 1927 (mit Der Jazzsänger von Alan Crosland), auch wenn diese Technik noch sehr rudimentär war. Aber während 1929 in den Vereinigten Staaten fast alle Filme bereits Ton hatten, kam dies in Europa erst später. Und trotzdem wurden gerade hier sehr bedeutende Experimente durchgeführt. Viele davon von Fritz Lang selbst.

Im Jahr 1931 ereignete sich also ein kleines „kinematographisches“ Wunder. In diesem Jahr drehte Lang nämlich sein Meisterwerk M. Hier stellte er die wichtige Theorie über die Ambivalenz des Menschen und seine Fähigkeit, Henker und Opfer zugleich zu sein, auf. Hier wurde der Ton zum ersten Mal auf eine völlig neuartige Weise eingesetzt. Und man bedenke, dass M nach Joseph von Sternbergs Der blaue Engel (1930) erst der zweite in Deutschland produzierte Tonfilm ist.

Fritz Lang machte also den Ton zu einem der “Haupt-Schauspieler“ in M. Angefangen bei der Melodie, die der Mörder (ein großartiger Peter Lorre) pfeift.

Eine der interessantesten Szenen in dieser Hinsicht ist die Eröffnung des Spielfilms. Bevor wir irgendwelche Bilder auf dem Bildschirm sehen, hören wir ein unheimliches Kinderlied, das von einer Gruppe von Kindern gesungen wird und sich auf den Mörder der Stadt bezieht. Wenige Sekunden später schwenkt die Kamera in die Wohnung von Frau Beckmann, die sich Sorgen um ihre kleine Tochter Elsie, die noch nicht nach Hause zurückgekehrt ist, macht. Die Kuckucksuhr läutet gelegentlich. Elsies Mutter schaut ins Treppenhaus hinaus und ruft ihre Tochter. Stille. Auf dem Bildschirm nur die Treppenhausaufnahme von oben und die Stimme von Frau Beckmann im Off. Die Ängste werden stärker. Die sich wiederholenden Geräusche betonen noch mehr die Abwesenheit des Kindes. Dann, plötzlich, das Bild des kleinen Mädchens, das mit seinem Ball spielt und im Begriff ist, nach Hause zu gehen. An einer Säule, an der das Plakat über den mysteriösen Kindermörder angebracht ist, erscheint plötzlich der Schatten von Peter Lorre. Seine Off-Stimme spricht Elsie freundlich an.

Allein für diese Eröffnungssequenz ist M zu einer echten „Regieanleitung“ geworden. Ein Meisterwerk der Filmgeschichte. An dieser Stelle fragen wir uns: Wie wichtig war das Off-Screen? Wie viel Unbehagen vermittelt es?

Michael Haneke erkannte daher sofort das Potenzial dieser Technik, die zu seinem stilistischen Markenzeichen wurde.

Mit dieser Technik inszenierte der Wiener Regisseur die tausend Facetten des menschlichen Wesens. Nehmen wir einen Kultfilm als Beispiel: Funny Games (1997 und 2007). Wir befinden uns in einer abgelegenen Villa auf dem Lande. Eine Familie will ein paar Tage Urlaub machen. Die betonte Ruhe ist ein Vorbote von etwas Schrecklichem. Zwei geheimnisvolle, weiß gekleidete junge Männer klopfen an die Tür. Sie ähneln fast den Protagonisten von Uhrwerk Orange. Ihre Manieren sind forciert und unnatürlich. Dann, plötzlich, ändert sich die Situation. Die statische Kamera rahmt das Wohnzimmer des Hauses ein. Aus dem Off hören wir die Schreie der Bewohner, die von ihren Peinigern abgeschlachtet werden.

Eine ähnliche Beklemmung vermittelt uns eine Szene aus Das weiße Band (2009). Hier wird der Sohn des Barons in ein Zimmer gezerrt, wo er schwer bestraft und geschlagen wird. Wir können nur seine Schreie hören. Das einzige, was wir sehen, ist eine geschlossene weiße Tür.

Wenn jedoch eine Stimme oder ein Schriftzug uns sagt, was geschieht, kann die Wirkung noch stärker sein. Dies ist zum Beispiel im aktuellen Happy End (2017) der Fall. Eine Frau ist dabei, im Badezimmer Schlaftabletten zu nehmen. Sie wird aus der Ferne mit einem Handy gefilmt. Auf dem Display des Handys erklären Chat-Nachrichten, was passiert: Die Frau ist dabei, unwissentlich Gift zu nehmen. Ihre Tochter Eve, die sie mit dem Handy filmt, hat es gegen Schlaftabletten ausgetauscht. Wir sehen jedoch nicht das Gesicht des Kindes. Wir hören nicht einmal ihre Stimme. Hanekes Regieansatz ist derselbe geblieben, aber er hat sich den neuen Technologien angepasst.

Ähnlich wie Fritz Lang in M appelliert Haneke an die Emotionen des Zuschauers, indem er Situationen inszeniert, die sich im normalen Alltag und innerhalb konventioneller Familien abspielen. Die Doppelnatur des Menschen wird zum Protagonisten. So wie es in den expressionistischen Spielfilmen geschah. Das Monster, das uns so viel Angst macht, ist direkt neben uns. Wir können es spüren, aber (nicht immer) auch sehen. Selbst wenn wir es sehr gut kennen, gelingt es uns fast nie, es rechtzeitig zu erkennen. Rette sich, wer kann!

Info: Die Seite von Fritz Lang auf Imdb; Die Seite von Michael Haneke auf Imdb